Alpenrevival 1998 - 2008

Vorwort
Die Alpen! 10 Jahr ist es her, da wir unsere erste gemeinsame Tour unternahmen. Spektakulär war es, mit abenteuerlichen Motorrädern (Jawa 350 und Suzuki 125 - Anja als Absolute Beginner) und einer wunderbar naiven Faszination. Zehntausende Kilometer sind wir inzwischen getourt, von Norwegen bis Montenegro und praktisch allem, was dazwischen liegt. Und doch hat die erste Reise immer ihren Referenzcharakter behalten. Keine Tour war je so aufregend, kein Reisebericht ist emotionaler und detailreicher geschrieben als "Alpen 98 - Über alle Berge". Und nie wieder war das Alpenwetter so bombig wie damals.
Alle Versuche, die Berge mal wieder unter die Räder zu bekommen, waren kläglich gescheitert. Immer wieder wurden wir vom Schlechtwetter umgehend ins Flachland vertrieben. Über die Jahre hatten den Alpen dadurch etwas Unerreichbares, Sagenhaftes gewonnen.
Zehn Jahre später packen wir unsere Gepäckrollen. Es gibt jetzt die Gill'sche Almhütte und wir brechen auf, um noch einmal mit der Thermoskanne und Butterbrot auf einer Passstraße zu picknicken.
Reisebericht von Anja Leonhardt
08.06.06, Sonntag
Der Urlaub beginnt mit Schwerwetterslalom. Ziel ist Pfungstadt. Das war auch damals schon so. Damals waren wir um 6 Uhr morgens auf die B 3 gefahren, diesmal nehmen wir die Norddeutsche Tiefebene auf der A7. Wie immer. Wie sie uns zum Hals raushängt! Erst hinter Göttingen gehen wir auf die B 27, eine Entdeckung der jüngeren Zeit. Das gilt auch für Wetteronline. Der unmittelbar vor Fahrtantritt abgerufene Wetterbericht ermöglicht uns eine trockene Fahrt durch die Hessischen Mittelgebirge. Nur am Vogelsberg durchfahren wir einen Schauer.
Am Spätnachmittag quälen wir uns durchs wenig aufregende Darmstadt und treffen rechtzeitig bei den Gills in Pfungscht ein, um an den Feierlichkeiten des Vorabends teilzunehmen. Die damals vierjährige Hannah steht nämlich unmittelbar vor Ihrer Konfirmation und außer uns ist die gesamte Verwandtschaft versammelt. Der Abend beginnt im "Blauen Affen" und endet sehr fröhlich auf der Gillschen Terrasse.
09.06.08, Montag
Mit Brummschädel sitzen wir in der örtlichen Kirche. Nach der offiziellen Zeremonie gibt es eine tagfüllende Feier im Garten, die später am Abend zugunsten der Fussball-EM johlend vor dem Beamer endet. Ein Zeitfenster nutzen wir, um mit der 850, die Thorsten erst wenige Tage in seinem Besitz hat, die Kurven über den Frankensteinberg zu testen. Die ersten Kurven mit dem neuen Gerät fühlen sich schlicht sensationell an.
10.06.08, Montagmorgen, 9:30
Wir verlassen den Pfungstädter Parkplatz. Albrecht sagte, bis in die Schweiz seien es viereinhalb Stunden, wenn man die Autobahn nimmt. Wir entscheiden uns für die Route östlich am Schwarzwald entlang bis nach Singen. Zwei Stunden später hängen wir im LKW-Infarkt vor Stuttgart im Tunnel fest. Es ist furchtbar. Bis zum Horizont staut sich die LKW Kolonne.
Wir flüchten auf die Landstrasse, da die Autobahn uns keineswegs schneller zum Ziel bringt. Über Calw weichen wir aus und fahren erst viel weiter südlich wieder auf die A 8. Entspannt und bei bestem Wetter geht es durch die hubbelige Vulkanlandschaft bis Singen. In Schaffhausen ist endlich die Schweiz erreicht. Eine testosterongeschwängerte Zöllnercombo macht uns die Einreise schwer, da wir anscheinend zur Risikogruppe der Fussballhooligans gezählt werden (Die EM findet diesmal in der Schweiz und Österreich statt). Wir müssen unsere Ausweise abgeben, mühevoll die Motorräder auf einen Parkplatz schieben, um im nächsten Moment die Papiere wiederzubekommen. Kein guter erster Eindruck. Der nächste Megakollaps trifft uns nach langweiligen Landstraßenkilometern in Zürich. Fussball Public Viewing und Rush-Hour. Endloses Stop and Go in sengender Hitze. Wir wollen uns nicht noch einmal durch einen Kohlenmonoxidtunnel stauen und machen eine Kehrtwende zur Umgehungsautobahn, die bei der fremdenfeindlichen Beschilderung nicht einfach zu finden ist.
Zähe Umgehungskilometer später kommen wir mit vorschriftsmässigen 50km/h schneckentempoartig an die Alpen heran. Bei Luzern findet praktisch der gesamte Durchgangsverkehr in Tunneln statt. Durch ein Regenbogentor fahren wir aus der Sonne in einen schwarzen Massivhimmel rein. Ein stürmischer Südwind löst die Wolken aber auf und wir kommen tatsächlich trocken durch.
Dann geht alles ganz schnell: Sarnen, ein weiterer endloser Tunnel, Giswil - unser Ziel. Dank exakter Beschreibung finden wir schnell den Weg zur Mörli-Alp. Wurde auch Zeit. In der Dämmerung tasten wir uns - nun doch im Schwachregen - um die ungezählten Kurven durch modellbahnartigen Schweizer Hügel und stehen plötzlich vor dem angekündigten Kuhstall. Vorschriftsmässig öffnen wir elektrische Gatter, während Lotte und Heidi, so nennen wir sie einfach mal, die hauseigenen Plüschkühe, neugierig aus dem Stall geschlendert kommen und erstmal die Motorräder beschnuppern. Wir schubsen sie zur Seite, öffnen das letzte Gatter und der Weg zur Hütte ist frei.

Eine halbe Stunde später stehen wir am Fenster und blicken auf den Sarner See weit unter uns - die Hütte liegt auf 1100 müM . Ein Kuhglockenorchester schallt unermüdlich aus dem Tal. Schlagartig sind wir völlig verzaubert in einer Heidi-Welt, die zehnstündige Anreise für 400 km (!) ist vergessen. In der Hütte gibt es alles, was man braucht. Das Klo neben dem Eingang, die Dusche in der Werkstatt zwischen vielerlei schwerem Arbeitsgerät. Jetzt knistert das brennende Holz im Ofen, der Wein wird dekantiert, Brot und Käse gereicht, dazu der nächtliche Blick auf die Berge. Urlaub!
10.06.08, Dienstag
Die Nacht war wider Erwarten unruhig, Thorsten kapierte, warum überall Fliegenklatschen hängen... Die Viecher landeten immer auf der Nasenspitze und mussten umgebracht werden. Der Morgen strahlt uns an. Der vorher inspizierte Wetterbericht hat für diesen Tag - und nur für diesen Tag - Sonne angekündigt und wir wollen das für ein ausgiebiges Passkarussel nutzen. Mindestens 300 km wollen wir an diesem Tag durch die Berge düsen.
Erstmal schwingen wir uns die "Panoramastraße" herunter in den Ort und tanken Geld und Benzin. Um 10h sind wir unterwegs über den Brünig-Pass, der etwas unspektakulär daherkommt. Wir fahren zu zweit auf der R 850 R (ich bin noch fingermalad und kann so auch besser gucken). Thorsten hat das Motorrad seit einer Woche, die Kurvenlage der neuen 850 macht ihn mutig. Pass Zwei ist der Sustenpass. Eine traumhafte Strecke mit faszinierenden Ausblicken auf die schneebedeckten Gipfel. Diesen Anblick kannten wir von damals nicht, damals war Hochsommer und die französischen Alpen staubtrocken.

Die Pässe hier sind erst seit zwei Wochen geöffnet; und das sieht man auch. Meterhoch liegt noch Schnee neben der Strasse. Wie in der Arktis kommen wir uns vor. Im Tauwasser spiegeln sich die Schneemassen. Durch gleissendes Weiss fahren wir unter dem stahlblauem Himmel in die Höhe.

Als wir oben ankommen, ist die Passdurchfahrt durch den Scheiteltunnel gesperrt! Unten war er doch als geöffnet beschildert. Mit einigen anderen ratlosen Mopedfahren laufen wir hilflos umher und erfahren von einer Frau im obigen Restaurant, dass kürzlich eine Lawine runtergekommen sei. In dieser Menschenleere erspähen wir einige Steinböcke, aber keine Alternativroute. Und so realisieren wir, das der Hinweg der Rückweg ist. Also wieder runter. Wir müssen über den Grimsel (den hatte ich von unsrer letzten Tour in schlechter Erinnerung!). Dieser Pass ist beeindruckend. Man fährt erst durch ein enger werdendes Tal, die Bergflanken haben eine rippenartige Struktur. Oben befinden sich mehrere Stauseen und es wird immer sehr ungemütlich. Eine erste Wetterscheide zwischen Nord-und Südeuropa. Die Stauseen sind noch mit Eisschollen bedeckt, alles graugrün, nasse abweisende Gesteinsmassen. Ein paar Motorräder treffen wir, aber meistens sind wir allein auf der Strasse.


Während der steilen Abfahrt sehen wir am Hang gegenüber schon den Furkapass, unsere Nr. 3 für heute. Als dünne fragile Linie verläuft er an dem rauen Bergmassiv entlang nach oben. Wir fahren auf der schmale Strasse an Abgründen und Schneefeldern vorbei, mit gigantischen Ausblicken über ungezählte weisse Bergspitzen. Die Sonne scheint, nur beim Durchfahren der Wolken gibt es ein paar Regentropfen. Wir erspähen kurz den den schrumpfenden Rhonegletscher.

Die Abfahrt führt uns wiederum nicht in die Tiefe der Täler, stattdessen biegen ab zum Vater aller Pässe, dem Gotthard.
Endlich der Gotthard! All die Jahre war dies der unangenehmste weiße Fleck auf unserer Liste. Nun liegt die Auffahrt unmittelbar vor dem Reifen. Nur kurz frequentieren wir die alte Kopfsteinplasterstrecke. Die 850 hoppelt eher unwillig über den unebenen Untergrund. Unspektakulär, ja überraschend ist plötzlich die Passhöhe erreicht. Das ist etwas ernüchternd, aber man bemerkt den "Kultstatus" des Passes schon an den Aufklebern des Passhöhenschildes. Everbody was here. Es gibt Kunst und blecherne Klassik zur Grillwurst. Wir atmen den bedeutungsvollen Ort eine große Pause lang ein. Auf der Schnellstrasse folgt die schnellste Abfahrt aller Zeiten.

Unten empfängt uns südliches Flair. Wir verstärken es mit Eis und Capucchino. Den Kreis wollen wir mit dem Nufenenpass schließen, den wir erst nicht finden, da er auf italienisch ganz anders heisst...und landen im lieblichen Bedretto-Tal. Die Auffahrt zum Nufenen auf recht schmaler Strasse ist wunderschön. Ganz allmählich steigt die Trasse in dem einsamen Hochtal an. Oben auf 2400 Meter sind wir allein mit einem wirklich unglaublichen Ausblick auf die Welt unter uns. Wir genießen den Ort, aber nicht ohne eine Schneeballschlacht in sonniger Wärme komplett entre nous.

Die Abfahrt ist sportlich, die Luft sonnig warm. Praktisch alle Zweiräder, die wir treffen, tragen das BMW-Logo. Das fällt schon auf. Unten im Tal, im Goms wird es noch wärmer. Der Blick schweift durch das flache Tal bis weit ins Walis. Dort fahren wir aber nicht hin, sondern kehren heim über den Grimsel, dessen gemauerte Kehren praktisch in Sichtweite liegen. Oben auf der Passhöhe blicken wir nach Norden in die Abgründe des Tales vor uns: nichts als mehrschichtige schwer drohende, dunkle Wolkenformationen. Ein Biker hält neben uns und fragt "Kommt ihr DAHER?!" Nein, wir müssen auch in diese Schwärze abtauchen. Wie immer, wird man auf der Grimselabfahrt nach Norden nass. Aus dem kalten, feinen Regen am Berg wird ein warmer, schwerer Regen im Tal. Im Regen auf regennassen Serpentinen ging es auch über den Brünig zurück und rauf auf die Mörli-Alp. Wenn man einmal die innere Einstellung angepasst hat, ist es gar kein Problem mehr.

In der Hütte angekommen, heizt Thorsten ASAP den Ofen an. Bei gemütlicher Hüttenvesper werden die Eindrücke ausgetauscht und nach 10 Stunden Alpen rauf und runter fahren wir auch in den Träumen noch weiter.
11.06.08, Mittwoch

Ein Wattebausch nach dem anderen hüllt die Hütte in Nebel. Wir frühstücken ausgedehnt, lesen, versuchen dem Fernseher Wetternachrichten zu entlocken. Nachmittags geben wir es auf, auf die Sonne zu warten und fahren mit der GS los nach Sarnen zum Einkaufen. Die mit Lebensmitteln angefüllten Koffer wollen wir auf dem Rückweg über die Fluon-Alp noch ergänzen: eine uns explizit empfohlenen Käserei. Ein holperiges Grobteersträßchen windet sich sehr schmal und unendlich steil durch triefnassen Wald. Es geht immer weiter, immer steiler den Berg rauf. Gut das die GS unter unseren Hintern brummelt! Oben hinter dem obligatorischen Elektrozaun wartet eine Heerschar glockender Kühe, die uns irritiert anglotzen. Den Käse selbermachen wollen wir nicht, also drehen wir ab und hoppeln zurück auf die Panoramastrasse. Wir sind guter Dinge, trotz Dauerniesel, und nutzen den Schwung, um einfach an unserer Hütte vorbei weiter den Glaubenbielenpass hinauf zu brummen. Mit jedem Höhenmeter sinkt das Thermometer. Die Passhöhe beträgt gerade mal 1600m aber ist kalt wie ein Grosser. Die Wolken quellen in Augenhöhe um uns herum, verschlucken jede Aussicht.

Mit klammen Knochen machen wir uns zurück in der Hütte erstmal einen dampfenden Kaffee, duschen uns in der Werkzeugkammer warm und bringen dann den Ofen zum zum Glühen. Bei Wein und Käse (das geht immer so weiter) lauschen wir dem Kuhglockenkonzert und überlegen uns einen Plan B für die nächsten Tage anhand der erstandenen Tageszeitungswetterseite. Vielleicht morgen Zugfahren aufs Rothorn? Freitag an den Lago Maggiore, um ein paar Tage in der Sonne zu zelten? Alles scheint möglich.
12.06.08, Donnerstag

Im Augenblick ist das Wetter im Allgemeinen und in den Alpen im Besonderen recht abwechlungsreich. Ein Plan ist also eine Eintagsfliege. Der gestrige, mit viel Sorgfalt ausgearbeitete ist hinfällig, denn die Sonne strahlt! Also rauf auf die Mopeds. Über den Brünig Pass zuckeln wir am türtkisen Brienzer See mit seinen Holzdörfern entlang. Die Bahn zum Rothorn lassen wir wegen Rentnerattack ohne uns fahren. Wir schwingen durch das "mondäne" Interlaken auf die andere Seeseite nach Grindelwald. Als wir in das Tal abbiegen, leuchtet plötzlich imposant und weissglänzend die Jungfrau durch die dunklen Berge. Ein "Oha!" entweicht unseren Helmen. Während der Fahrt nach Grindelwald wachsen direkt vor uns die erschlagenden Gesteinsriesen von Mönch und Eiger ungebremst auf 4100 Meter an. Die Spitzen wolkenumtost, was für ein beeindruckender Anblick!.

Wir essen Eis mit Blick auf dieses Schauspiel und versinken in Ehrfurcht. Wir haben noch nicht genug, wollen der Jungfrau genauer unter den Rock gucken und fahren nach Mürren, um mit der Seilbahn aufs Schildhorn zu fahren (2900m). Von dort aus soll es einen grandiosen Blick geben. Während dieser kurzem Fahrt fangen die Berge immer stärker an zu qualmen, es bilden sich Wolkengebirge über dem Gebirge und sie werden minütlich dunkler. An mehreren tosenden Wasserfällen vorbei kommen wir in Mürren an, doch die Jungfrau ist weg. Der Videoschirm über der Kasse der Seilbahn verrät, dass wir für 90 CHF nichts als Wolken dort oben sehen würden. Hmpf. Wir lenken uns kurz mit der Betrachtung der Gleitschirmspringerkapriolen ab und machen uns auf den Rückweg. Gerade rechtzeitig - der Rückenwind liess ahnen, was der Rückblick bestätigt: die Viertausender hatten eine schwarze, wabernde Wand geboren, die uns zügig verfolgt. Kaum an der Hütte angekommen fängt es so an zu giessen, dass Heidi und Lotte im Schweinsgalopp klöternd in ihren Stall hopsen. Oben am Fenster sehen wir aus der molligen Hütte durch ein doppeltes Regenbogentor in das Tal - so romantic!

Das Pläne schmieden geben wir auf, da der Wetterbericht stündlich das Gegenteil des Vorherigen verkündigt. Jetzt knistert wieder der Ofen, die Kühe klingeln vorm Fenster, der Rotwein leuchtet im Glas und es ist unglaublich schön gemütrlich hier.
13.06.08, Freitag
Frühstück in epischer Breite, lesen, dösen. Die Hütte liegt noch im Wolkenhimmel. Um 11h setzen wir uns auf die Motorräder, um zu gucken, ob es im Tal heller ist. Tatsächlich, hell und trocken. Wir beschliessen, via Autobahn zum Vierwaldstättersee zu cruisen. Weitere Pässe sammeln ist wegen stark gesunkener Schneefallgrenze unangebracht. Die Hinfahrt verbringen wir zu einem Drittel im Tunnel, der zumindest warm ist... Ausserhalb herrscht eisiges, feuchtes Herbstwetter, die Heizgriffe werden aktiviert. In Altdorf biegen wir auf die Landstrasse nach Brunnen ab. Bei Sonne muss die Strecke traumhaft sein, aber jetzt ist es kalt, trüb, keine Berge zu sehen, der See schlammgrün. Piefige Mondänität fortgeschrittenen Alters. In Gersau stoppen wir zur Koffeinaufnahme. Schlafende Vorsaison. Wir sind In einem Ausflugslokal am See die einzigen Gäste und betrachten die antiken Schaufelradfähren. dann kommt die Sonne. Trotzdem kommt auf der Strecke kein Highlightgefühl auf.

In Luzern besichtigen wir spontan das Verkehrsmuseum, das allerlei zu bieten hat, noch mehr, wenn es fertig ist. Vergangenheit und Zukunft des omnipräsenten Tunnelbaus wird uns nähergebracht. Viel ausgestelltes Schwereisen zur Freude von Thorsten.

In Sarnen werden die Koffer vollgepackt mit Lebensnotwendigem für das Wochenende. Der Abend beginnt mit Rösti und Speck vor flackerndem Ofen und endet mit weinseligem Blick auf das nächtliche Giswil unter uns. Man glaubt gar nicht, wie zufrieden diese Hüttengemütlichkeit macht.
Für morgen - falls die Sonnenvorhersage stimmt - sind mal wieder Grimsel und Simplonpass geplant, gekröhnt von einem Capuccino am Lago Maggiore. Dort zu bleiben, scheint keine Alternative zu sein, da der Wetterbericht Regen im Süden ankündigt. Gut, dass es die kuschelige Hütte gibt - auf dem Klo sind 9°C...
14.06.08, Sonnabend
Um 10h wuchten wir die Mopeds vom grasigen Parklatz an den Kühen vorbei und rollen über den Brünigpass zum Grimsel. Wieder die endlose Auffahrt, nach dem ersten See wirkt die Landschaft selbst bei Sonne grünglitschig und düster. Die Serpentinen flutschen unter der Enduro dahin. Die Passhöhe ist saukalt und nur kurz kommt die Sonne zwischen den Wolkenfetzen zum Vorschein. Es dauert eine Stunde, bis die Füße wieder warm werden, und das trotz Boxer! In schöner Gleichmäßigkeit schwingen wir dann die Serpentinen talwärts, jeder Meter nach unten bringt mehr Licht und Wärme. 1,5h dauert die Grimselüberfahrt auf diese Weise. Im sonnigen, breiten Tal des Wallis sausen wir - immer schön die Geschwindigkeit fast einhaltend - bis nach Brig. Durch Dörfer aus geschwärzten Holzhütten, an unzähligen Viehweiden vorbei. Wir finden ein Stückchen des alten Simplon-Passes und mit fröhlichem rechts-links-legen gehts durch beinahe mediterrane Flora berghoch.

Kaffeepause an einer sehr steilen Schlucht. Gegenüber krallt sich eine Almhütte auf der steilen Wiese fest, wie kommt der Bauer dahin?
Inzwischen ist es 13:30 und wir kalkulieren, dass der Lago nicht zu erreichen ist, wenn wir nicht im Dunkeln über die Pässe zurückfahren wollen. Gewiss nicht. Nach der spektakulären Ganterbrücke führt die Strasse uns weitläufig zum Pass. Die weissen Bergspitzen sind weit weg, aber klar im Bild. Heidekraut und Enzian verzieren eine grosszügige Landschaft.

Wir vertreten uns die Füsse und dann geht es weiter an der wild sprudelnden Diveria entlang nach Gondo. Kurz vor Domodossola drehen wir bei. Weiter kommen wir heute nicht. Damals wäre wir weiter gefahren, diesmal haben wir einen Fixpunkt, der uns jeden Tag wie ein Magnet zurückholt. Auf der überbauten Strasse, die uns leider kaum einen Blick auf die schöne Schlucht gönnt, rauschen wir den Pass wieder hoch.

Im breiten Tal bei Brig haben wir die Spätnachmittagssonne im Rücken und die Viertausender vorm Aletschgletscher strahlen vor uns im Licht. Während der Auffahrt zum Grimsel nieselt es im Gegenlicht, pro Serpentine sinkt das Thermometer um 2°C. Oben auf der Passhöhe mein persönlicher Albtraum: Nebel mit Sichtweite von vielleicht 3 Metern, gespensterhaft tauchen eine Gruppe GS - Fahrer grüssend (!) auf (wahrscheinlich halten sie die Hand die ganze Fahrt über vorsichtshalber hoch!?) und sind sofort wieder unsichtbar. Das Visier beschlägt und beim Öffnen habe ich sofort Schneegrieselstecknadeln im Auge. In Schrittgeschwindigkeit und stocksteif quäle ich mich in der Wattewand die ersten Serpentinen runter, überfroren scheint die Strasse nicht zu sein (oder doch?!). Der Totsee taucht kurz im Nebel auf und endlich kann man schon fast 20 Meter weit sehen. Statt Schnee gibt es jetzt Regen.Wie schön! Endlos tauchen wir in die Düsternis ab, irgendwann wird die Temperatur zweistellig und herrlich mollig. Erleichtert rollen wir über den Brünigpass und bedauern entgegenkommende Fahrer - auch Radfahrer dabei. Nach 350 km und 10 Stunden bremsen wir völlig durchnässt und durchgefroren vorm Kuhstall. Jetzt schnell den Kamin an, ein deftiges Essen und viel Rotwein auf dem Tisch und alles wird gut. Wie froh sind wir jetzt über das feste Dach über dem Kopf Wir schlafen wie die Steine und spielen im Schlaf einige Szenen nach.

15.06.08, Sonntag
Der Kaffeeduft ruft mich aus den Kissen. Den Vormittag verbringen wir mit häuslichen Tätigkeiten. Es regnet zwar nicht wie angekündigt, aber der Himmel ist kompaktgrau. Trotzdem lockt irgendwann die frische Luft und wir machen eine Kaffeefahrt ins "flache" Hinterland. Die Mörlialp - Panoramastrasse über den Sörenbergpass nach Entenhausen, zurück über den Glaubenbergpass. Friedliche Almwiesen auf 1500 Meter, alles feuchtgrün. Oben finden wir eine Kioskwirtschaft und zwischen rauchenden Almöhis mit unverständlicher Sprache trinken wir dampfenden Kaffee.
Zurück in der Hütte die liebgewonnenes Zeremonie: Ofen anheizen, Buch vor die Nase, beim Beobachten des Feuers verblöden und einnicken. Ab und zu das Tal durchs Fenster kontrollieren und den faulsten Sonntag der Welt geniessen. Als Actionprogramm: Eine heisse Dusche in der Werkstatt und dann Rösti, Speck und Rotwein. Dann wieder Ofenglotzen.
16.06.08 Montag
Schon morgens parken die Wolken im Vorgarten. Wir finden erst nicht aus dem Bett, daran war auch der sehr fröhliche Vorabend schuld - aber dann lockt Thorsten mit Kaffee und leckerem Hüttenfrühstück. Jeden Tag eine neue Käsesorte und von dem leckeren Brot können wir nicht genug kriegen.
Die Wolken um die Hütte bleiben und es ist saukalt.

Die letzte Seite meines Buches ist gelesen, aber zum Glück hat Iris einen Historienschinken im Bücherregal. Thorstens Verschwinden im Schlafzimmer bemerke ich erst Stunden später - er hat den Sender "Bahn-TV" entdeckt.... Um 15h fachen wir den Ofen an, schnell weiterlesen. Kurz vor Ladenschluss raffen wir uns zu einer Einkaufstour nach Giswil auf , um den den Käse, Wurst-und Weinbestand aufzufüllen. Immerhin eine Motorradfahrt. Thorsten philosophiert danach im Ofen und ich versinke wieder im Buch, während es draussen unermüdlich regnet. Saugemütlich. Abends gibt es Spätzle, wir beobachten mit dem Weinglas in der Hand das Wolkentreiben in der Dämmerung und horchen, wo Lotte und Heidi herumbimmeln.

17.06.08 Dienstag
Können wir lang schlafen! Um 10h gibts Müsli, Eier und Kaffee. Für morgen ist die Abreise geplant. Hier haben wir im Tagesradius praktisch alles erkundet, was bei dem Wetter so möglich war. Also: Hütte schrubben. Uns fällt auf, dass plötzlich wieder Fliegen da sind, die uns seit 5 Tagen in Ruhe gelassen hatten. Stimmt, es wird wärmer... Aber noch nicht sonnig. Trotzdem fahren wir noch einmal zur Jungfrau, vielleicht zeigt sie ja diesmal ihre weisse Haube. In Mürren treffen wir auf Busladungen holländischer Fussballfans, ein Alphorn mit Akkordeonbegleitung. Wir fliehen sofort wieder. Die Bahn zum Jungfraujoch ist uns mit 100 EUR zu teuer, das Video vom Schildhorn zeigt sowieso nur Wolken. Davon liessen sich die zahlreichen Japaner allerdings nicht abschrecken.

So beschliessen wir noch einen Besuch von Luzern. Wir schlendern über die Kapellenbrücke, die einzigen Nicht-Asiaten sind wir zwei. Einen Capuccino mit leckerem Eis am See verhaften wir und dann geht's zurück zur Hütte.

Dort treffen wir auf Ernst, den Hütteneigner. Ein sympathischer Mensch, mit dem wir dann noch einige Zeit plauschten.
Wir trinken Sundowner over the Alps, hören dem Gebimmel zu und bringen den Ofen zum letzen Mal zum Glühen.
09.06.08, Mittwoch - Rückfahrt 1

Wir wollen in zwei Etappen nach Hause. Zunächst wieder nach Pfungstadt. Die Fahrt über die Landstraße Richtung Zürich zieht sich. Die Autobahn, um die Stadt zu umgehen finden wir indes nicht. Sie ist überhaupt nicht ausgeschildert. Stattdessen ampeln wir uns durch dichten Großstadtverkehr. Immerhin lernen wir ein paar Wohngebiete dieser ach so modernen Stadt kennen. Eine Stunde quälender Kolonnenkilometer später sind wir hinter Schaffhausen wieder in Deutschland. Ein Blick zur Uhr - uns bleibt reichlich Zeit. Wir nehmen nicht die Autobahn, sondern schlängeln uns diagonal durch den Schwarzwald. Mal gurken wir stumpfsinnig Lastwagen hinterher, mal kommen herrlich freie, kurvige Abschnitte durch die dunklen Täler. In manch durchfahrenem Ort denkt das Gehirn "Oh wie hübsch!". Die Sonne brennt und wir sind reichlich müde. Das letzte Stück sitzen wir auf der Autobahn ab.
Am gemeinsamen Abend mit den Gills können wir die frischen Eindrücke unseres Hüttenlebens informierten Zuhörern schildern und zeigen die ersten Bilder. Sie sind völlig begeistert von den "Passfotos", da sie - obwohl sie so oft da sind - noch nie einen der umliegenden Pässe befahren haben.
10.06.08 Donnerstag - Rückfahrt 2
Wir kommen überhaupt nicht voran. Eigentlich wären wir gern eine schöne Route durch den Spessart gefahren, aber wir gurken jetzt schon Stunden mit 60 Sachen hinter immer neuen LKW her. Irgendwann sind wir endlich auf der B 27, die uns durch die Mittelgebirge nach Norden trägt. In weiten Schwüngen rollen wir durchs Werratal. Die Reservelampe an Thorstens 850 leuchtet schon seit zig Kilometern. Es muss doch eine Tankstelle kommen. Mit letztem Tropfen rollen wir auf die Tanke, irgendwo bei Friedland. Dann folgt das, womit jeder Urlaub beginnt und endet: Die langweilige Fahrt durch die Norddeutsche Tiefebene. Die A 7 ist leer und wir rauschen unter einem klaren, eiskalten Himmel nordwärts. Die Alpen sind wieder unerreichbar fern.