Black Forest 2007 oder Das Ende des Sommermärchens


Exilantenbesuch - auf dem Weg nach Kandern.


Sonnabend, 29.07.2006


Vor drei Monaten sind Alex und Thorsten in den tiefsten Schwarzwald ausgewandert und wir haben baldigsten Besuch angekündigt. Heute ist es soweit. Zwei Wochen Urlaub liegen vor uns, mehr geht dieses Jahr nicht. 

Statt 6h morgens wird es gemütliche 9h, da es heute zum ersten Mal seit 8 Wochen keine 35°C heiss werden soll. Der Jahrhundertsommer 2003 scheint getoppt.

12h Alfeld -> Nordheim, wir sind völlig entspannt, der Weg ist das Ziel, mit 90km/h ziehen wir durch die Hügel. Pause. Mist! Mein TÜV ist seit einem Jahr abgelaufen...


In Göttingen kommen wir auf die verwegene Idee, statt der Standard-B3 mal die B 27 zu testen, die uns sonst nur in Stuttgart aufgefallen ist. Diese Idee erweist sich als glorreich. Keine Laster, überhaupt wenig Verkehr,  breite Strasse durch mitteldeutsche Harmonie. Vorbei an Witzenhausen, wo wir vor einigen Jahren mit dem Kleinen Boxerforum unterwegs waren. Glück mit dem Wetter: die Gewitterfront war kurz vor uns hier, davon zeugen Restpfützen. 27°C. Perfekt. Wir pendeln durch Wälder um die Kurven und bald ist eine Kaffeepause nötig. Beim Anhalten klingelt mein Handy: das Schwesterlein. Eigentlich war eine Übernachtung in Pfungstadt in Frage gestellt, weil die Familie heute erst aus Mallorca zurückkommt  und abends eine Einladung hat. Aber der Kleiderschrank der Gastgeber ist zu unser beiderseitiger Freude zusammengebrochen... Schnell die Grillfleisch-Theke im örtlichen Supermarkt abfischen und flugs sitzen wir mit kühlem Rosado auf der Terasse und erzählen bis 1h30 so allerlei.



Sonntag, 30.7.


8h30 hoch und Brötchen holen. Albrecht meint, der einzige Sonntagsbäcker sitzt auf der Burg Frankenstein, da muss man mit dem Auto hin! Plötzlich sitzen wir im neuen Beetle-Cabrio meiner Schwester und dröhnen mit Rachmaninoffs 1. Klavierkonzert durch den morgenfrischen Wald die Serpentinen hoch. Der Bäcker is grad weg. Da muss man halt wieder  runter. Diesmal fährt Thorsten,  zum ersten mal ohne Fahrlehrer -  vor 1 Monat hat er seine Vierradfahrerlaubnis erhalten. Lebend legen wir die Brötchen auf den Tisch.

12h weiter. Erst B3, zäh. Dann Neckar, Pforzheim, Calw. Schwarzwaldrand. Der Himmel dunkel. Schauer, superschwül. Muss mich erst wieder daran gewöhnen, für 250km 5 Stunden zu brauchen. Mir geht das Kleinstadt - und Strassengeeier mit Menschen, die lieber 10km/h weniger als erlaubt fahren, zunehmend auf die Nerven. Will auch nicht erst um 22h bei Alex und Thorsten aufschlagen. Also Autobahn, kein Feldberg und kein Titisee. Ist eh schwarz vor Wolken dort. Ab Freiburg bis Müllheim und dann schnuckeliges Strässchen bis Kandern.

Grosses Juhuu und offene Arme am Tor, glücklich werden Menschen, die nordische Laute von sich geben in die Arme geschlossen. Wir bekommen unser eigenes Zimmer , für alles ist gesorgt und dann lausommerabendliches Grillen im Garten unter Bäumen zwischen Laternen mit Bier und Wein und viel Gespräch.



Montag, 31.7.


Am nächsten Morgen - Thorsten1 (oder 2) muss arbeiten - sitzen wir wieder im Garten, frühstücken 20.000 Käsesorten und selbstgehäkelte Konfitüre. Aber dann ruft der schwarze Wald mit lauter Stimme. Wir flitzen um die Kurven, bis das Gummi qualmt - yes, es geht noch was anderes als 90° Winkel!

Kaum Verkehr, viel tannengrün und mitunter richtig steil. Auf dem "Blauen" gibt es theoretisch Alpenblick, praktisch spielen  die Gipfel im Dunstschleier Verstecken. 

Nahziel ist erstmal Feldberg. Touristensammelstelle. Schnell weg. Seit langem sehe ich etwas im Rückspiegel, aber die Verdrängung funktioniert, bis die ersten dicken Tropfen fallen - deshalb ist der Spiegel schwarz. Meine Feldberg-Vorurteile werden bestätigt, aber besser fühle ich mich deshalb nicht. Im Gegenteil. Denn soviel Sommer macht leichtsinnig, meine Beinkleider bestehen aus leichter Baumwolle, keine Regenhose an Bord. Naja, ich in ja nicht aus Sucre denke ich mir. Eine Minute später schäumt die Strasse und Wasserfälle laufen in meine wasserdichten Stiefel. Sehen kann ich auch nix.  Vollbremsung vor einem Italiener, der extremen Motorradfahrerbefall zu verzeichnen hat. Frust. Kalt. Die Gewitterfront zieht ab, wir auf die Mopeds, 10 Meter weiter hat uns die nächste im Griff. Stop am Strassenrand. Beschlagenes Visier, beschlagene Brille - da geht nichts. Irgendwann fahren wir weiter. Die Temperatur der mitreisenden Dusche ist erträglich und in Kandern wundere ich mich, dass nicht auch Fische aus meinen Stiefeln schwappen. Überall in der Wohnung werden die tropfenden Klamotten verteilt. Das Internet erzählt: auch südlich der Alpen Gewitter. O.K. Morgen Zweckplanung Lörrach: TÜV für mich, neuer Vorderreifen für Thorsten. Alex kocht  lecker und bei viel Rotwein im Wintergarten sind wir bald wieder froh gestimmt.



Dienstag, 1.8.


Planungs-Plim Plim.


Vor der Zweckaktion noch ein Besuch im Vitra - Museum. Joe Colombo. Direktinspiration Odyssee 2001. OP-Tisch als Bett etc.


Das man in dieser Gegend andauernd irgendwelche Ländergrenzen überquert, daran gewöhnen wir uns bald. Aber trotzdem viel Stau und nerviger Stadtverkehr im Moloch Basellörrachweilamrhein.

Eis mit Alphorn. Werkstatt. Meine GS bleibt bis morgen dort.



Mittwoch, 2.8.


Ab ins Jura. Kein Regen. Auf dem Weg wollen wir meine BMW abholen - noch nicht fertig. Hmpf. Also bei Thorsten Huckepack und über Basel nach Delémont bis La Chaux de Fonds, dort auf die Vue des Alpes. Die geben sich aber mal wieder geheimnisvoll. Schade, bei klarer Sicht gäbe es ein prima Panorama. Wir drehen um nach Norden in die Gorges du Doubs. Ganz romantisch. Über die Corniche du Jura nach Saint Ursanne, ein kleines geschminktes Mittelalterstädtchen. Wichtiges romanisches Kirchenportal. Das Sandwich sehr französisch. Wir tuckern weiter in das Tal, sind aber anscheinend so verwöhnt von unseren Reisen, dass es uns bald langweilt und wir umdrehen - ausserdem tickt die Uhr.

In Kandern schenkten wir vier uns reinen Rotwein ein, ziehen dann in den "Ochsen" und mästen uns markgräferisch. Der "Veriesserli" (richtig geschrieben Alex?) riss es aber wieder raus.



Donnerstag, 2.8.


Lörrach, TÜV geprüftes Fahrzeug übernehmen. Wir versuchten einen dritten Eroberungsfeldzug in die Tiefen des Schwarzwaldes. Über Schopfheim nach Wehr in das urtümliche Wehratal Richtung Todtnau. Das Tal sieht aus wie Urwald - nicht grundlos: Platzregen. Siegreicher Rückzug bis zu einem Edeka-Parkplatz. Als der Guss sich in leichten Landregen wandelt, fahren wir weiter. Mal wieder klitschnass treffen wir in Kandern ein. Alex und Thorsten zeigen grosszügigerweise Mitleid statt Genervtheit von diesen Wasserwesen. Dösen und lesen. Jede kleine Pause nutze ich für meine Parallelwelt "Der Schwarm". Ein gedruckter Katastrophensciencefiction im RTL-Stil, literarisch nicht wertvoll aber sauspannend. Abends "Indian Cooking" von der Frau des Adoptivbruders von oben, dazu Wein, Bier und Palaver.



Freitag, 4.8.


Wie die letzten Tage beginnt auch dieser mit wetter.com. Irgendwann muss doch doch die Alpenquerung möglich sein!  Das Netz vertröstet täglich auf Morgen, aber statt Heiterkeit sehen wir morgens ergiebigen Landregen vorm Fenster. Nachmittags wird es meist freundlicher, aber zu spät für lange Passfahrten. Stundenlanges Planen, aber das Wetter spielt falsch. Auch heute verkündet es Besserung, so dass wir Camping am Genfer See ins Auge fassen. Von dort sind schöne Pässe fast greifbar...

Der vierte Schwarzwaldversuch. Diesmal läuft es besser. Im Sonne/ Wolkengemisch surren wir über Hügel, ahnen Alpen in der Ferne, landen schliesslich in St. Blasien, wo wir eine dicke ortsansässigeTorte verhaften. Weiter über Todtmoos, Zell, kreuz und quer auf kleinen Strassen. Als sich vor uns eine schwarze Wand bildet, ziehen wir uns in einen Miniwald zurück, ducken die Köpfe mit Helm bis es vorbei ist. Er kann schön sein, der Schwarzwald, und diesmal kommen wir trocken heim. Dort ist es wie jeden Abend  saugemütlich und es gibt immer viel zu erzählen.



Sonnabend, 5.8.


Nix da. Strömender Regen. Verschieben wir es auf morgen. Die Beiden lassen uns keine Minute spüren, dass wir ihre Gastfreundschaft überstrapazieren und so machen wir einen Ausflug im AUTO zur Sauschwänzlebahn in Blumberg. Dazu muss der Südschwarzwald umfahren werden. Mit vielen gewöhnungsbedürftigen Dampfeisenbahnfans finden wir uns im Waggon wieder, lassen uns auf einer angeblich bemerkenswerten Kringelstrecke durch die Landschaft kutschieren, Fotostopp, und wieder zurück. Dann mit der A-Klasse quer durch den S-Wald gen Kandern und ich bin froh, dass der Elchtest stattgefunden hat - im rechten Winkel befindet sich das Auto während der zwei Stunden Rückfahrt nicht ein Mal. Die schwangere Alex hat die Kotztüte immer griffbreit. Was sie und uns nicht davon abhält, nach Absolvierung der Heimreise einen kleinen Nachbardorfkrug -  wahrscheinlich der "Hirsch" oder die "Krone" - zu entern und grosse Mengen lecker Fleisch zu verspeisen. 



Sonntag, 6.8.


Aus. Vorbei. Handtuch geschmissen. Fahrtrichtung: Norden! Es ist zuviel der leeren Wetterversprechungen. Im Schwarzwald braucht man kein Motorrad, sondern ein U-Boot! Statt Wolken mit Sonne mal wieder strömender Regen, 17°C. Das Satellitenbild zeigt, dass der zornige Wettergott auf dem Feldberg sitzt. Im Westen und Norden ist es besser, fast heiter. Der Entschluss wächst und unter Süss- und Salzwassertränen verabschieden wir uns voneinander.


Genervt steuern wir die Autobahn nach Pfungstadt an. Dreimal werden wir noch geduscht, dann hört es langsam auf und wird etwas wärmer. Iris und Albrecht machen gute Miene zum Spiel und empfangen uns mit Sekt und einer Einladung in den zünftigen "Blauen Aff". Ich glaube, wenn wir das nächste Mal in Urlaub fahren, geht eine Warnung an alle Freunde raus " Achtung! Sie sind wieder unterwegs!"



Montag, 7.8., Pfungstadt


Plan Süd-Nord. Ab nach Dänemark. Oben soll es schön sein...Wir nehmen wieder unsere Neuentdeckung B27 und sind wieder begeistert. Endloses cruisen. Kein Stau. Liebliche Landschaft zwischen Spessart und Rhön mit passendem Wetter - heiter bis wolkig. Bei Einbeck pausieren wir und in der Erschöpfung ruft ein bekanntes Ziel: die Weser. Sie ist ganz nah und wir biegen ab nach Westen. Über den Solling rollen wir nach Heinsen direkt ans Ufer der Weser. Viel Platz, SONNE und zum ersten Mal in diesem Urlaub wird das Zelt auseinandergefaltet. Im Sonnenuntergangslicht verspeisen wir Baguette, Salami, Käse und Wein, sehen der Strömung des Flusses nach, folgen unseren Gedanken und sinken auf die Lumas.



Dienstag, 8.8.


Morgens wecken uns quakende Enten, duftender Kaffee am Ufer und erstmal abhängen. Ich tauche ins Buch, Thorsten denkt. Dann winkt die Strasse. Der Harz ist nicht weit...Losfahrt. Was für eine Überraschung - schwarze Wolken über den Bergen. Sofortige Kehrtwendung. Auf dem Köterberg ist ein Motorradtreff. Hin da. Kurven durch den Wald und oben erstaunlicher Rundumblick über die verschiedenen Mittelgebirge. Wir verweilen einige Zeit auf dem sonnigen Gipfel. Hunger. Auf der Rückfahrt gucken wir uns noch die kleine Burg Polle an. Kaufen ein und machen es uns wieder am Ufer gemütlich. Um 22h wirds frisch, hinein ins Zelt. 



Mittwoch, 9.8.


Um 7h mit dem Hahn kräht auch Thorsten " Kaffee?!" "Hmm". Am gedeckten Tisch kommt Wohnwagennachbar vorbei und spielt Wetterbericht. Ächz. Ab morgen kalt und regnerisch. Wir gammeln noch in der Sonne rum, ab 11h wird gepackt und währendessen fallen schon mal ein paar Tropfen.

So zockeln wir das Wesertal entlang, passieren den letzten Pass im Wiehengebirge und dann wirds öde. Lasteransicht auf geraden Strecken. Der Himmel wird heller. Doch durchstarten nach Fehmarn?? Vor Hamburg wird es kühl, dunkler. Wir fahren auf den Hinterhof, befragen das Internet: Regen, Wolken. Die Mopeds werden entladen und ganz langsam realisieren wir, dass die letzten Urlaubstage in Hamburg stattfinden.