Burgund 2008


Reisebericht von Anja L. aus H.


Nach langem Hin und Her hatten wir uns für Frankreich entschieden. Da waren wir lange nicht. Außerdem können wir so das Kulturvakuum des 100% Alpennaturfilmes im Juni ausgleichen. Also ab ins Burgund.


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Am 3. August geht´s los

und zwar wegen Wolken im Westen ab Hildesheim auf der B 27. Durch bewährt hübsche Landschaft - jedenfalls hinter dem Deister - und bei Prospektwetter reisen wir unserem Etappenziel Pfungstadt entgegen.

Irgendwo vor Fulda sehe ich Thorsten im Rückspiegel langsam und gezielt die BMW in den Straßengraben jonglieren. Meine sorgenvollen Stirnfalten kann ich so schnell nicht glätten, da auf der schnell befahrenen Straße hinter einer leichten Kurve ein Wenden nicht möglich ist, mal ganz abgesehen davon, dass ich wegen nicht vorhandenem Seitenstreifen und abschüssigem Straßengraben gar nicht vom Mopped krabbeln kann. Die rechte Hand auf der anderen BMW winkt Entwarnung, aber nach 10 Min. werde ich ungeduldig, lehne die GS an einen Begrenzungspfeiler, schnalle die Tasche mit dem Warndreieck ab und halte Thorsten und mir so die Raser vom Leib. Die tolle neu gekaufte BMW R850 R meines Freundes in schicker Sonderlackierung fährt nicht mehr. Einfach so. Mit keiner grandiosen Idee kommen wir weiter und schließlich schultert ein Abschleppwagen die bockige Dame und es geht nach Fulda in die Werkstatt. Natürlich ist Sonntags keiner da und der nette Abschlepper lotst uns noch zu einem Hotel, wo wir uns in der Abendsonne beim Bier nicht ärgern wollen.




Montag, 4. August, Pfungscht

Dieser Tag wird bestimmt von Fahrten durch Fuldas Vororte, Warten auf dem Werkstattgelände, mehreren Diagnosen, die sich aufgrund vieler Austauscharbeiten mit Ersatzmotorradteilen alle als falsch herausstellen, schwitzenden Mechanikern, einer Warterunde durch die ansehliche Altstadt und nach 8 (!) Stunden die gefundene Ursache: die defekte Ummantelung der Benzinpumpe im Tank.

Wir ziehen den Hut vor den Mechanikern, beschließen, dass nach einem holperigem Start alles nur besser werden kann und segeln in der Abendsonne nach Pfungscht , wo die Familie uns mit Herz-und Köstlichkeiten päppelt.


Dienstag, 5. August, Bar le Duc

Bis Saarbrücken schnurren wir ungestört durch die Landschaft und dann erreichen wir Frankreich. Über St. Avold, St. Mihel sausen wir über ein schwarzes Asphaltband durch die Weite der abgeernteten Felder, durch Hügel und Täler bis nach Bar le Duc. Dort landen wir auf einem Campingplatz im Schlossgarten und finden alles sehr französisch. Um das Ganze abzurunden, räumen wir im "Le Clerque" erstmal die Wurst - und Käseregale leer. Die Renaissance der Altstadt nehmen wir noch unter die Lupe und schlagen uns mit Blick aufs Schloß den Magen voll. Bonjour!




Mittwoch, 6. August, Vezelay

Um 9h ist alles aufgeschnallt, weiter gehts. Ziel: Autun. Wieder endlose Felder ohne Knicks, Hügel rauf, Hügel runter, selten jemand ausser uns auf den Straßen. Die Temperatur steigt stündlich um 5°C. Kaffeepause am Weg, der schwarze Saft klappt uns die Fußnägel hoch und wir sind wieder wach für die nächsten Agrarimpressionen.

Hinter dem Schild "Bourgogne" wird die Landschaft üppig waldig und kurvig. Ein Piquenique wird notwendig, es ist heiß und wir studieren die Wetterseite des "Le Figaro". Morgen gibt es Gewitter.

In Chatillon bekommen die Mopeds was zu trinken, die Orte mit ihren Steinhäusern und Blumenschmuck entzücken unsere Augen. In Semur machen wir Rast in einem schattigen Wäldchen und sind wieder beeindruckt von dieser Märchenstadtkulisse (im Loire - Urlaub waren wir schon einmal hier). Ich bin in der Hitze allmählich genervt von den endlosen Straßen und bevor es sich zuspitzt, beschliessen wir eine Planänderung: auf nach Vezelay und dort campen.

Von der brutalen Hitze sind wir inzwischen so k.o., dass uns das Einkaufen von Brot und Wasser an unsrer Grenzen bringt.

Aber irgendwann steht das Zelt auf einem Hügel mit Aussicht und nach dem Duschen faulenzen wir genüsslich im montierten Schatten. In der aufkommenden Dämmerung vertilgen wir heißhungrig das Abendessen und lassen dabei unsere Blicke über die sanften Berg ziehen. Dann rollen wir uns saumüde in die Schlafsäcke, aber erst nachdem alles sturm - und regensicher festgezurrt ist. Zwar können wir uns nach diesem Tag keinen Weltuntergang vorstellen, aber er ist ja angekündigt.

5h morgens, schwarze Nacht und es geht los: Sturmböen verbiegen die Bäume hinter uns, überall im Taschenlampenlicht bricht hektische Betriebsamkeit los, es klöppelt und zurrt an den umstehenden Zelten und Wohnwagen, einige bauen ganz ab...Am Horizont flammen Blitze quer über den Himmel. Wir sitzen im Zelteingang und beobachten begeistert die aufgebrachte Natur bis die Morgendämmerung anbricht, den Rest verschlafen wir.




Donnerstag, 7. August, Vezelay

Die Welt steht noch.

Ausgeruht stürzen wir uns auf die Kultur. Vezelay liegt sicher und malerisch seit mindesten 1130 n. Chr.auf einem Berg und wir schlurfen durch mittelalterliche Gassen, blicken weit ins Land, spazieren durch Souvenirshops, und besichtigen die romanische Kirche von bestechender Schlichtheit. Der ganze Ort wirkt archaisch verknautscht und schwerromantisch. Als wir alle Gassen abgestiefelt haben, tuckern wir nach St. Père zu Füssen Vezelays, besichtigen die gotische Kirche und ein kleinstteiliges gallorömisches Heimatmuseum mit einem echten Asterix an der Kasse. Danach noch ein paar armselige römische Thermenreste, die uns nach den frischen Pompeji - Eindrücken nur ein müdes Lächeln entlocken.

Zum Abendessen soll der Blechcampingtisch gegen eines der schnuckeligen Restaurants in den alten Mauern getauscht werden und wir fahren nach Vezelay Uptown. Es kommt anders. Nichts ahnend parken wir das Moped, rütteln an ein paar verschlossenen Türen - warum haben Restaurants an einem normalen Wochentag geschlossen? - und als wir uns an der Tür einer Brasserie umdrehen, sehen wir, was sich hinter uns angeschlichen hat: eine tiefschwarze blitzzischende Wand steht in den Straßen, die Tür der Brasserie öffnet sich, wir werden hereingezogen, gerade noch rechtzeitig, bevor die Blumenkübel und Sonnenschirme durch die Straßen poltern und diese sich in einen reissenden Fluss verwandelt. Mit unseren Lebensrettern trinken wir kopfschüttelnd über die Raserei da draussen einen Wein, nur zu Essen haben sie auch nichts mehr. Unsere Situation wird kritisch. Selbst die Restaurants für Schlipsträger haben wir abgeklappert, aber die wollten uns nicht, was vielleicht am Kapuzenpulli liegt. Da der Himmel seine Schleusen inzwischen wieder geschlossen hat, setzen wir die Nahrungsmittelsuche fort. Schließlich kommen wir an ein Dachterassenrestaurant, wo noch alle mit Scherben einsammeln, Stühle von der Straße holen und Sonnenschirmfang beschäftigt sind und entdecken an einem Seiteneingang die Pizza a l`emporter - Ausgabe. Gerettet. Die Kartons werden auf dem Moped festgeschnallt und mit tropfnassen Helmen butschern wir zum Campingplatz, wo kein Flurschaden entstanden ist und verschlingen die Pizza im Halbdunkel. Mit mehreren Weinen beglückwünschen wir uns zu unserem Überleben und einem wunderschönen Tag.




Freitag, 8. August, Tournous

Nachts Tropfenkonzert. Trotzdem packen wir morgens die klatschnasse Unterkunft zusammen und sind um 9h auf dem Weg in den Nationalpark Morvan. Ständiger Sprühregen und eine Landschaft wie im Sauerland, Kurven mit Rollsplit, meine Begeiserung hält sich bedeckt. Im Städtchen Lornes kaufen wir in der Patisserie mehrere Croissants und im Café dazu den Kaffee und stärken das Gemüt für die Weiterfahrt Richtung Autun. Wieder schaffen wir es, die Wolken abzuhängen, denn in Autun mit seinem breiten Promenierplatz geniessen wir Gladiatorenspiele und Café crème in der Sonne, danach bestimmt das Karten- und Wetterstudium unser nächstes Ziel: ein Tal muss es sein, in diesem Fall das der Loire und als Ort Paray le Monial.

In Beaune füllen wir den leeren Lebensmittelkoffer im Carrefour, ich brauche noch mehr Kaffee, die Vorortszenerie ist so hässlich und unsympathisch, dass wir weiterziehen ohne dem Stadtzentrum einen Besuch abzustatten, die Regenwolken wie ein altes Stück Kaugummi an den Hacken. Die Wetternachrichtenprüfung in der mal wieder gekauften Lokalzeitung schickt uns ins südliche Burgund, dort soll es schön sein. Vor Tournous finden wir nach zwei Fehlversuchen einen akzeptablen Platz. Sehr groß mit Blick aufs Feld, zwar am Maschendrahtzaun, aber im Hintergrund die Saône und nicht weit entfernt vom Stadtzentrum, einem Anziehungspunkt für kulturelle Sensationseeker. Die Stimmung ist etwas abgenutzt von der Schlechtwetterfrontflucht. Da wir diesmal nur zwei Wochen unterwegs sind (dafür gab es in diesem Jahr auch schon zwei Wochen Alpen) lohnt sich eine Fahrt nach Süden nicht. Thorsten will in die Alpenhütte flüchten, ich lieber in eine Stadt, die man auch bei Regen besichtigen kann.




Sonnabend, 9.August, Tournous

Wie so oft, sieht die Welt ausgeschlafen nach dem Frühstück anders aus, besonders wenn unsere Freundin am Himmel blinkt. Wir fahren ins Stadtzentrum von Tournous, schlendern wohliger Wärme durch das zauberhafte Städtchen, betrachten die omnipräsente Romanik, die hier architektonische Glanzlichter entstehen liess, während bei uns gerade die Irminsul gefällt wurde. Wir kriechen in Krypten, in denen elektrisches Licht noch unbekannt und es so wunderbar spukig ist, als hätten die letzten 1000 Jahre nicht stattgefunden. Jeder Schritt hallt durch die alten Säulen, verblichene Heilige gucken im Dämmerlicht von den Wänden.

Draußen steigen uns die leckersten Düfte vom Wochenmarkt in die Nase, wir tauschen Geld gegen Käse und Paté, beobachten die Franzosen beim Wochenendeinkauf. Als die Füsse breitgetreten sind, rollen wir auf zwei Rädern ins Hinterland und gasen richtig an. Über holperige Straßen mit noch romanischem Belag durch die Kurven. Überall Burgen und Schlösser. In jedem Dörfchen ein Kirchlein aus dem 1. Jtsd. Beeindruckt sind wir von Brancon, ein sehr kariöses Festungsdorf, wo seit 980 n.Chr. nichts mehr gemacht wurde und das wie eine Filmkulisse über der Landschaft steht. Nur ein paar handverlesene Idealisten leben hier und das in einem Seitenweg entdeckte Ferrari - Oldtimer wirkt wie von einem anderen Stern.

Auf einem Hügel weit über dem Tal besichtigen wir ein einsames romanisches Gottesgebäude, mit einem Blick über das ganze südliche Burgund wenn man die Kirche verlässt. Jeder von uns träumt sich in die Vergangenheit. Der Hunger holt uns in die Welt zurück und nach einem Piquenique pöttern wir über Bonnet bis Paray le Monial. Das entpuppt sich als prollige Kleinstadt mit düsterer, aber beeindruckender Hochromanik , die uns an Speyer erinnert, allerdings wegen einer Hochzeit nicht zugänglich ist.

Next Point ist der Felsen von Mâcon. Einmal erspäht heisst noch lange nicht gefunden und wir huschen kreuz und quer durch die liebliche Landschaft, bis wir ihn in der Spätdämmerung stellen. Ein paar Postkartenfotos mit und in Weinbergen und es geht zurück an der Saône bis nach Tournous. Zur Feier dieses traumhaften Tages essen wir in einer Brasserie am Fluss im Ort und sitzen danach satt und zufrieden vorm Zelt. Urlaub ist schön.




Sonntag, 10. August, Lods an der Loue

Als ich im Frühnebel aus der Dusche über den nassen Rasen zurückkomme, liegt eine taubetropfte Blume auf meinem Teller, heute ist Geburtstag. Das macht aber nichts, wir ziehen schon kurze Zeit darauf Richtung Nordosten - so bestimmt es der Wetterbericht - Richtung Besancon. Schnell sind wir in der Bresse - Ebene. Von den Hühnern keine Spur. Hier bestimmen Nutzflächen und Industrie die Landschaft. Am Horizont winkt das Jura. Je näher wir kommen, desto mehr Bayern. Die Kühe schwarzweiß, kühle Luft und Tannen. Über Lons, Champagnole und Levier bis ans tiefe Tal der Loue. Von einem Aussichtspunkt lassen wir uns von diesem Canyon beeindrucken und rauschen schwungvoll in die Schlucht hinab. Unten folgen wir den sanften Kurven der Loue, so idyllisch, dass wir in Lods beschliessen, das Zelt aufzubauen.. Zu Thorstens Freude auf einem ehemaligen Bahnhofsgelände direkt am Fluss. Nach dem Duschen wird gedöst. Als die Sonne hinter den Hängen abgetaucht ist, entschließen wir uns zu einer frühabendlichen Ausfahrt und finden ein wunderschön gelegenes Kanutenrestaurant am Flussufer. Bei untergehender Sonne stoßen wir in dieser malerischen Kulisse auf meinen Geburtstag an, ein paar Frösche singen dazu ein Ständchen. Hier wollen wir bleiben.




Montag, 11.August, Tonerre

Morgens beim Einkaufen gucken wir routinemässig auf die Rückseite des Lokalblattes, da wir uns bis jetzt dem I-Phone -Trend verweigern. Wieder ist alles anders. Wir dürfen nicht bleiben. Wo wir sind, gibts ab mittags heftige Gewitter. Nur im Nordwesten Burgunds scheint die Sonne hinter dem Wolkensymbol.

Gleich nach dem Frühstück zurren wir die 70 Sachen auf die Krads und preschen in der Sonne Richtung Tonerre, um die anfliegende Kaltfront brechstangenmässig zu durchqueren. Bei Besancon Nieselregen. Der bleibt uns lange auf den Fersen. Wir ereichen wieder die Weite - Felder - Gegend. Das Himmelstheater können wir über zig Kilometer beobachten, die schwarzen Wolkenmassen mit ihren grauen Fetzen über dem winzigen Horizont sind schon faszinierend. Die leichte Dauerfeuchte lässt sich so ertragen. Wir fahren und fahren und fahren, beobachten gehetzte Trecker, die dreckschleudernd die Ernte in Sicherheit bringen, hoffen auf den zarten hellen Streifen am Horizont, aber ein Starkregen ertränkt uns stattdessen. Die Kaltfront ist breiter als gedacht. Unbeirrt und mit Durchhalteparolen ziehen wir weiter bis Tonerre. Die Stadt ist genauso wie das Wetter. Thorsten ergattert gegenüber vom Hotel Dieu in einem heruntergekommenen weltlichen Etablissemnet ein Zimmer. Eher eine große Zimmerflucht mit zwei Badezimmern - von 1940. Wir verteilen unsere tropfenden Klamottenberge gleichmässig auf allen Heizkörpern und baden uns heiß.

Als die Lebensgeister wieder mit uns sprechen, durchstreifen wir den Ort auf der Suche nach etwas Essbarem. Nichts. Alles ist zu, vernagelte Geschäfte. Also kehren wir zurück zum Hotel, wo sich das einzige offene Restaurant des Ortes befindet. Die Bedienung ist nicht freundlich, aber uns kann jetzt nichts mehr aus der Ruhe bringen. Im Zimmer verhaften wir mit Blick auf die alten Gassen - die nachts so romantisch aussehen - noch ein paar Gläser Vin Rouge und fallen dann in die sehr weichen Betten.




Dienstag, 11. August, Joigny

Der erste Blick aus dem Fenster überrascht uns nicht: es regnet schon wieder. Der obligatorische Blick in die Zeitung bestätigt unseren Plan, weiter nach Nordwesten zu fahren. In diesem Ort hätte uns sowieso nichts gehalten. Wir zirkeln die Mopeds aus dem Hinterhof, dabei sprechen wir kurz mit holländischen Motorradfahrern: auch sie flüchteten aus dem Jura, fahren nun aber resigniert nach Hause. Soweit sind wir noch lange nicht und begeben uns wieder auf die Suche nach der Sonne.

In den Reiseführer hatten wir ein rotes Kreuz an den Beitrag über Pontigny gemalt und dort fahren wir jetzt erstmal hin. Eine riesige Abtei steht mitten auf dem Feld in klarer frühgotischer Formensprache. Wir klettern über das umgepflügte Stoppelfeld und erjagen mit lehmbeschmierten Stiefeln die besten Fotomotive. Völlig überdimensioniert wirkt dieser steinerne Pfannkuchen in dem kleinen Ort. Angemessen beeindruckt lassen wir uns trotzdem von einem anderen Anblick in den Bann ziehen: ein blaues Stück Himmel. Mit aller Gewalt in Form von einigen Windstärken will sich das Hoch durchsetzen und schiebt unglaubliche Mengen Wasserdampf am Himmel hin und her. Die Natur kann auch sehr spannend sein. In Joigny scheint schon ab und zu die Sonne und an der Yonne finden wir dort einen Campingplatz. 83 Tageskilometer sind der absolute Mindestrekord. Macht nichts. Wir liegen auf den Lumas in der Sonne und alles ist gut.

Nach einer Fahrt zum Supermarkt durch den Ort an beiden Seiten des Flusses, der sich im Gegensatz zu Tonerre mit vielen Blumen und gut restaurierten Gebäuden hübsch gemacht hat, gibts noch einen Spaziergang an der Yonne und danach lecker Merguez an Baguette neben carotte rapées.




Mittwoch, 12.August, Joigny

Um 9h weckt Thorsten mich und nach 11 Stunden Schlaf auf einer defekten Luma klettere ich nicht gerade geschmeidig aus dem Zelt. Der Himmel grau, der Wind kalt, graue Tassen auf grauem Campingtisch. Es gibt Momente, da frage ich mich, ob nach 10 Jahren Euro-Camping nicht doch mal Asien drin wäre. Bevor die schlechte Laune richtig Schaden anrichten kann, wird sie durch die rausblitzende Sonne vertrieben. Das Zelt bleibt stehen und wir wollen nach Auxerre, wo wir dummerweise auf einer langweiligen Route Nationale hinfahren. Im Ort parken wir direkt vor der Basilika St. Germain, die karolingische Krypta ist bis 14h geschlossen, also bummeln wir durch die engen Gassen der Altstadt an burgundischem Postkarten - Fachwerk entlang. Siesta auf dem idyllischem Plätzchen mit Stadttor. Weiter um St. Etienne herum, die mit Extrem - Hochgotik zu punkten versucht und uns Genickstarre verpasst. Danach gehts in den Keller. Die Krypta St. Germains darf nur unter Aufsicht betreten werden und gebannt folgen wir den lebhaften Ausführungen des französischen Führers eher sinngemäß. Wir staunen über die seltenen, mythischen Spuren unsere Kultur, aber neben der 300 Jahre älteren römischen Zivilisation wirkt das alles schon sehr grobschlächtig. Ein kleinteiliges "Gerümpelmuseum" wird mit aufgeschnupft, aber dann brauchen wir Fahrtwind um die Ohren und kajolen diesmal über kleine Straßen durch verträumte Landschaften und Örtchen nach Joigny zurück. Dort inspizieren wir in sehr warmer Luft und schlauerweise mit Motorradklamotten genauer die "Ville fleurie" und erschöpft kühlen wir uns mit einem dicken Eis an der Uferpromenade.

Auf dem Campingplatz vertilgen wir eingekaufte Köstlichkeiten, der Wein schimmert in der untergehenden Sonne. Weil alles so schön war, können wir nicht aufhören und ein Dämmertörn zu zweit auf der GS in die uns umgebende Wildnis folgt, aber ausser einem Reh können wir niemanden erschrecken.

Unglaublich, aber morgen geht es schon wieder Richtung Heimat.




Donnerstag, 13. August, Aachen

Um 8h sitzen wir am taunassen Tisch, inhalieren einen dampfenden Kaffee und ein Vortagspängoschokola, alles schläft noch um uns rum.

Als eingespieltes Abbauteam rollen wir mal wieder um 9h vom Platz und mindestens zwei Stunden über Straßen, die wir in den Landkarten nicht finden, da man in diese analoge Übersicht nicht hineinzoomen kann. Thorsten rauft sich die Haare unterm Helm und nur die Sonne zeigt uns die Richtung. Wir blicken wieder über endlose Felder im Frühdunst. Endlich taucht ein Schild nach Troyes auf, das auch der Maßstab unserer Karte darstellt. Bei einem Picknick schweift der Blick über die riesige Ebene vor uns. Der Weg nach Chalôn en Campagne hat noch Kurven (mit riesigem Radius), danach ist die Straße zwar wellig, aber schnurgerade. Ewig geht es geradeaus, bis ich fast einschlafe. Kaffee am Rastplatz und ich bestehe auf kleineren Straßen. Sofort wird alles schön und über Voziers kommen wir nach Sedan, diesmal an endlosen Gräberfeldern vorbei.

Belgien. Die Belgiker fahren schneller, als sie denken können und viel schneller, als sie dürfen. Diese Fülle, Enge und Hektik ist nach den Weiten Mittelfrankreichs ungewohnt und als wir uns in einem wirren Kurort verfahren, blinkt bei Thorsten ein rotes Lämpchen. So schnell wie möglich wollen wir aus diesem Land und in die BRD. Aber dazwischen liegt Liège... Industrieseitig fahren wir in die Stadt ein und ich glaube in einem 90er Jahre Endzeitsciencefiction gelandet zu sein. Soviel dampfendes, verrottetes Eisen habe ich zum letzten Mal in Bilbao gesehen. Es ist fast 18h und im Gegensatz zu meinem faszinierten Freund bin ich jetzt total genervt von dem Fahrstil, den Baustellen, der undurchsichtigen Verkehrsführung und dem Gegurke auf der Suche nach dem richtigen Weg. Mir springt eine Sicherung raus. Als die Stimme sich wieder normalisiert hat, finden wir endlich die Autobahn nach Aachen, aber ich weigere mich, in die Stadt zu fahren und wir nehmen das erstbeste Hotel am Straßenrand. Ist aber o.k. Mein ganzer Körper summt nach 10 Stunden und 500 km und erst nach der heißen Dusche und einem warmen Essen mit entspannendem Wein ist alles wieder geschmeidig.




Freitag, 14. August, Bad Karlshafen

Nur mit Mühe kriegt Thorsten mich wach. Kaffee und Croissant im Straßencafé, aber in Deutschland fehlt dabei die richtige Atmo. Mit Hilfe der Landkarte orakeln wir eine Route heraus, durchs bergische Land, Sauerland, Richtung Weser.

Nachdem wir drei Stunden von Ampel zu Ampel, von Ort zu Ort hinter Lastern hergeschlichen sind, reißt mein Geduldsfaden schon wieder. Hallo Deutschland. Schlechter Kaffee, Schilderwald und überbevölkert. Wir weichen auf die gelben Straßen aus, aber irgendwann reicht uns auch das und wir fegen über die Autobahn bis Warburg, dann über Höxter an die Weser. Eigentlich wollen wir nach Heinsen, unserem Lieblingsplatz dort, aber darüber thronen wieder schwarze Wolken. Also landen wir in der Piefigkeit Bad Karlshafens auf einem riesigen Campingplatz, aber es ist trocken und sonnig und wir sitzen bald mal wieder am Fluß und spülen Deutschland mit Bier die Kehle runter. Zwangsbespassungsdampfer tuckern vorbei und füllen das abendliche Flusstal mit alberner Musik.

Zu Hause stellen wir fest, dass wir uns mit Hilfe unserer Hobbymeteorologie trotz einer miesen Großwetterlage mal wieder einen sensationellen Sommer zurechtgefahren haben.