Juni 2002 - Vom Wetter quer durch Europa getrieben 4000 Km in 2 Wochen | ||
Für den eiligen Leser hier die nur-Text Version mit dem unzensierten Originaltext aus Anja's Reisetagebuch. | ||
1.Juni 2002 Berlin-Prag-Wien (geplant) 3.Saisonauftakt mit kurzer,aber aufwendiger Vorbereitung. Erst am 28.5. wurde klar, dass wir beide doch noch Urlaub nehmen können. Am Sonnabend um 15h entspanntes Losfahren Richtung Berlin zu Tom. Das bedeuted: B5! Pünktlich gutes Wetter, z.T. kühler Wind. Verschiedene Trancezustände wie gehabt; 19h30 Passieren der Stadtgrenze, breitstrassiger Einflug ins Zentrum, 20h Manteuffelstrasse. Tom aus einer Lesung geholt, Mopeds in grösserer Aktion im Hinterhof eingestapelt, Helm ab und mit Wein bewaffnet zur Lesung zurück. Kreuzberg live:viele Menschen jeder Stilrichtung und Alter, Ureinwohner und Touristen der ãlangen Nacht des Buches. Draussen auf der Strasse trinken, Leute gucken, Döner essen, drinnen hinter uns Kultur, z.B. Bdolf, oder das dillettantisch engagierte Quintett der Nasenflöter. Danach eine völlig überfüllte Hinterhofparty und um 1h30 in die Schlafsäcke.
2.Juni, Sonntag Erster Versuch mich zu wecken um 6h - mißglückt. Um 8h Aufstehen, 9h Frühstück in der Sonne im Linie 1, 10h Start Richtung Tschechien. Über Königswusterhausen in den Spreewald, Pause in Burg. Dann in die Lausitz nach Senfzenberg, Einheimische in Wummerkisten. Üppiger Imbiss in Leibsch. Bischofswerda, Neustadt - Hügel in Sicht! Motorradinvasion. Erste herrlich Blicke auf und durch das Elbsandsteingebirge. Runter an die Elbe und bei sinkender Sonne ein traumhafter Campingplatz hinter Schandau am Ufer mit Blick auf die Berge und den trägen Fluss. Zu Thorstens Entzücken auch eine Bahnlinie am anderen Ufer mit Schienenbus, tschechischen Eisenbahnen und ähnlichem Tralala. Ich war, vermutlich vom gestrigen Alkoholgenuss, leicht verschnupft vom Warm-Kalt-Wechsel und 7 Stunden Mopedfahren erstmal ãAus. Ein Bier im campingplatzeigenen Biergarten, mehr ging nicht wegen der prolligen Besitzer neben uns. Also zur Tanke, Wein holen und vorm Zelt sonnenuntergangbetrachtenderweise austrinken.
3.Juni, Montag Kühle Nacht und Aufstehen in der Morgensonne, die ruhige Elbe vor uns und wüstes Vogelgezwitscher um uns herum. Frühstückstisch aufbauen und benutzen; 10h weiter zur tschechichen Grenze in Decin. An der Elbe/ Labe entlang. Diesmal rechtsuferig, kleine schöne Strassen, ab und zu Industrie. Litomerice, Melnik. In dem Dorf Kresice eine Pause unter dem Baum des Dorfplatzes, wo urplötzlich ein alter Lautsprecher über uns scheppernd eine noch sozialistisch klingende ãMelodie schnarrte, anschliessend tschechische Mitteilungen. Alles ohrenbetäubend laut. Erst dachten wir, der Sohn der Bürgermeisters hätte einen alten Knopf gefunden und wollte uns erschrecken - wir waren die einzigen Menschen in Sichtweite. Dann wechselte das Geräusch zu Smokey´s Best Hits! Eine skurrile Szenerie, wir fuhren aus dem Dorf unter kreischender Beschallung aus mehreren Lautsprechern. Später erfuhren wir von Pavel, dass das normal sei. So werden lokale Nachrichten,z.B. wer gestorben ist, ob die Telefonzelle defekt ist u.ä. im Dorf verteilt. Um 16h kamen wir an den Rand Prags. Keine schöne Sache das. Sozialstische Plattenbautodsünden umzingeln die alte Stadt. Man muss schon wissen, wie schön es innen ist, sonst würde man gleich wieder abdrehen. Wir suchten einen Campingplatz auf einer Moldau-Insel. So ohne Stadtplan wirkte Prag im ersten Moment etwas verwirrend, allerdings spannend der Wechsel Plattenbau zum üppigen Barocko. Nach viel Gegurke fanden wir den Platz. Wir hatten beide etwas anderes erwartet, vor allem hatte Pavel uns von dem Namen ãSunny Camp berichtet und so hiess dieser nicht. Also machten wir uns uns erneut auf die Suche. Ewige Autobahnen, verfahren, Staub, Dreck und unvorschriftsmässiger Verkehr. Dann ãSunny Camp: auf einer Hochhaussiedlungsanhöhe im Gewerbegebiet mit riesiger, aktiver Baustelle direkt daneben für viele greise Holländer in Feierlaune angelegt. UNAKTZEPTABEL!! Trotz grenzwertigen Nervenzustandes flüchteten wir wieder durch den Feierabendverkehr,Hitze, Baustellen zu dem anderen Campingplatz zurück. Der hatte sich inzwischen zu einem schönen Platz direkt an der Moldau mit frischer Zeltwiese und nur einigen jungen Leuten gemausert. Glücklich und erschöpft bauten wir unser Stoffhäuschen auf, Dusche, Rotwein, Bier und Würstel! Um 21h kam Pavel, grosses Hallo und Erzählen. In der Dunkelheit fuhr er mit uns ins abendlich märchenhaft beleuchtete Prag, wo Bier und Rede in einer Kneipe fortgesetzt wurden. Pavel war seit drei Jahren nicht mehr in der Innenstadt gewesen-alles fest in der Hand der Touristen und für die Prager unerschwinglich. Leicht betrunken fuhren wir zurück (wir wollten erst mit dem Taxi fahren, aber er riet uns davon sehr ab, dass seien alles Zigeuner!). Auf dem Campingplatz ging es dann noch weiter bis 1h30. Er versorgt uns gern mit tschechischen Wörten, z.B. ãvchrstl - ich habe eingespritzt. Der Tschech spart Vokale.
4.Juni, Dienstag Lange schlafen und in der Sonne frühstücken, dann fuhren wir mit einem Moped in die Stadt, um einen wärmeren Schlafsack für mich zu kaufen und einige Dinge zu besichtigen, z.B. eine Art Eiffelturm in Minimini im Westen Prags. Zahnradbahn + viel Treppen= prima Aussicht. Anschliessend Fussmarsch zum grössten sozialistischen Aufmarsch - und Sportplatz Europas. Da so etwas heute niemand mehr braucht, ist das Ding dem Verfall anheimgegeben. Nur durch Zufall kamen wir hinein, normalerweise ist es abgesperrt und konnten die Natur beobachten, die sich die Fläche zurückerobert. Direkt daneben begutachteten wir ein riesiges Betonverwurstungsmonument. Nach soviel abgetakeltentem Sozikram ging´s zurück ins Disneyland: Besichtigung des Altstädter Rathausturmes und rumlungern auf dem Platz. Thorsten musste noch 100Kc wegen violating the traffic restrictions an einen schnurrbärtigen pilotbebrillten coolen Tschechenpolizisten zahlen.Noch einkaufen, Campingplatz, abends kam Pavel mit zwei Flaschen Becherovka...Vielosophierten über die Mentalitäten von Tschechen, Deutschen, Ungarn, Russen. Man kann sagen, dass wir um 0h stark betrunken waren. Wir fielen ins Zelt. den rausch ausschlafend merrten wir nicht, wie jemand den Bauchbeutel mit unseren Portemonnaies, Schlüsseln etc. aus dem Zelt (!) entwendete (evtl. hat er auch die Gunst der Minute genutzt, als wir beim Zähneputzen waren).
5. Juni, Mittwoch Schockartig fand Thorsten den Bauchbeutel morgens auf der Wiese vorm Zeltplatz. Herz in der Hose! Glück im Unglück: nur das Geld und Thorstens Telefon war weg. Allle Karten, Ausweise, Schlüssel noch da. Mit 100 ¤ ist der Dieb davongekommen. Aber immerhin waren wir so genervt, dass wir die am Vorabend geplante Route in den Osten Tschechiens, die Slowakei und Ungarn wieder umstiessen und beschlossen, der Moldau nach Süden zu folgen. Mittags verliessen wir Prag und freuten uns uns auf grüne geschwungene Strässchen, die auch kamen. Fahren über Hügel, Fahren an weiten Feldern entlang, Fahren an Temelin vorbei, Fahren durch Dörfer und klein Städtchen,Pause mit ãgulas und knedelik. Hinter Vissy Brod fanden wir einen versteckten, romantischen Campingplatz am Ufer des grössten Moldau-Stausees und sahen die Sonne in demselben versinken. Es kam ein eigenartig böiger, warmer Wind auf, für Nordeutsche ein unbekanntes Phänomen: Fön. Morgen wollten wir in die Alpen, aber da ist Gewitter, sagt der Wetterbericht. Früh in die Schlafsäcke.
6.Juni, Donnerstag Aufstand 6h30! Mein neuer Schlafsack bewährte sich in der feuchten Nacht am schönen See. Kurz nach 8h überquerten wir die Grenze nach Öschi-Land. Plötzlich alles gebürstet, Höfe mit Geranien, aber auch höhere ãHügel. Wir wollten in Linz in einem Internet-Café nach dem Wetter gucken, aber es fand sich keines.Also bilden mit ãBild. Wolken, Gewitter überall! Was tun?! Nach Süden, der blauen Lücke im Himmel nach. Weit kamen wir nicht. Auf der Stadtautobahn an einem Chemiewerk hatte ich das Gefühl, mein Hinterrad fällt in den nächsten zwei Sekunden ab! Panisch meldete ich es Thorsten, der mit einem Blick feststellte ãdu hast ´nen Platten! Also Stop unter einer Autobahnbrücke, Gepäck ab - ein Nagel war´s. ADAC anrufen, aber diese Behörde ist so unflexibel und langsam, so dass ich mir nur die Nummern örtlicher Reifenhändler geben ließ, mit denen Herr Marx verhandelte - nicht so einfach, Österreicher können nicht alle deutsch... Jetzt bewährte sich mal wieder GS fahren: drei Schrauben, das Rad war ab und auf Thorsten Hintersitz festgeschnallt und er sauste von dannen. Da sass ich bei meinem einbeinigen Moped unter der lärmigen Autobahnbrücke vor dem Chemiewerk auf einem Koffer und gab mich der Lektüre indischer Philosophie hin. Die Zeit verflog zügig, nach einer Stunde war der reparierte Reifen wieder dran und die Fahrt ging endlich weiter aus dem heissen, staubigen Linz in die frischen Auen der Enns. Herrlich tiefgrüner Fluss, dem wir folgten und wo sich die ersten, spitzigen Alpengipfel zeigten. Immer wieder beeindruckend für uns Flachlandtiroler. Thorsten wollte Kurven fühlen und jagte die ungeraden Strassen entlang. Ich hätte mit meiner neuen GS gleiche Bedürfnisse haben müssen, aber meine Augen rutschten immer wieder zu dem Fluss oder den Gipfeln, ich musste ertsmal die Landschaft geniessen und brauchte mich so auch nicht über die laster zu ärgern, die Thorsten ständig den weg versperrten. Noch hatten wir Glück mit dem Wetter, über uns Blau, an einigen Bergen hing dickes Schwarz. Wir fuhren bis Liezen und dann Richtung Sölkpass. Eine kleine Strasse, die schwerstromatisch auf den Berg kroch. Oben auf dem Pass war der Blick eingegrenzt: vor uns das dunkelste Grau. Wir fuhren hinab und wurden nass. Sehr nass. Beschluss, in Murau ein Zimmer zu nehmen und landeten in einer Art Jugendherberge: Kinder, Doppelbetten, ging nicht. Nix wie raus und einen Ort weiter im Egidiwirt wurden wir gut und österreichisch untergebracht. Das Erste. Wetterbericht! Überall Gewitter. Wir hatten heute anscheinend viel Glück. Für morgen weiter Unklarheit. Im Südwesten war wenigstens ein Wolke/Sonne Symbol. Also statt Slovenien nach Tirol. Die Dolomiten sollen schön sein... Hm. Eine neue Erfahrung in einem neuen Land wäre auch schön gewesen. Aber wir sind wetterabhängig.Wir werden sehen. Jetzt sind wir froh, nicht im Regen zu zelten, haben ausgiebig geduscht, gegessen - üppige steirische Pizza und Salat mit Jodeleinlage. Anwesende Männer (fast ausschliesslich) in der Krachledernen.
7. Juni, Freitag Wieder alles anders. Es wird nach Wetter entschieden und haben die Freiheit, dorthin zu fahren, wo der Horizont heller ist. Nach dem Luftholen im Hotel fuhren wir morgens angezogen wie Tiefseetaucher weiter. Es regnete schwach, erstes Ziel Villach. Unterwegs Himmel angucken:ins Tal nach Spittal oder über die Berge Turracher Höhe? Über die Berge nach Feldkirchen und Villach. Ein kleiner Flecken blauer Himmel über Kärnten! Wir bogen ab zum Wurzenpass und somit nach Slovenien. Und dort sich eine Tour durch den Nationalpark über die Julischen(?) Alpen und Vrsic an. Kurz nach der Grenze baute sich eine riesige Gesteinswand vor uns auf, die Gipfel in schwarze Wolken gehüllt. Aber Angefangenes wird zu Ende gemacht und wir bekamen eine sagenhafte Passroute! Aus dem vergleichsweise sanften Kärnten tauchten wir ins wilde Slovenien. Eine kopfsteingepflasterte (Mopedfahrer wissen, was das bei feuchtem Wetter bedeuted...) Serpentinenstrasse kurbelte sich die steile Wand hoch, seiltlich dichter Wald, direkt über uns wolkenumwaberte Felsspitzen. Ich war völlig fasziniert, kaum Verkehr. Auf 1600m der Pass. Vor uns Schwärze. Unheimlich. Wir fuhren hinein. In den Wolken Sichtweite 10m. Nur langsam formten sich z.B. Baulaster durch den dicken Nebel vor uns. In unzählbaren (50) Serpentinen wanden wir uns mit dem Strässchen nach unten durch die tropfende Landschaft. Im Tal war Italien. Und wie verabredet linste ein bisschen Sonne zum ersten guten Cappuccino durch die Wolken! Wir waren tiefzufrieden. Und ich hatte die GS unter mir zünftig eingeweiht und war glücklich über meinen gelenkigen weissen Schwan. Jetzt wieder die Frage: wie weiter?? Der Blick an den Himmel sagt uns: nach Süden. Erstmal ins Tal nach Tarvisio und Richtung Udine, da wuchs schnell die Idee, gleich ans Mittelmeer zu raketen. Zunächst fiel allerdings der Himmel auf die Erde. Vor Wolken konnten wir die Berge vor uns nicht mehr sehen. Das diffuse Hell vor uns, dem wir folgten, nahm mehr und mehr gewittrige Züge an. Das Prinzip Hoffnung funktioniert bei uns aber überdurchschnittlich gut. Vor Udine nur Gewerbegebiet -> Autostrada. Und plötzlich waren wir am milchtürkisen Meer. Über einen kleinen Damm südlich von Aquileia tuckerten wir zu einer winzigen Laguneninsel mit Campingplatz unter Pinien und zelten jetzt am Strand. Der Regen war vor und hinter uns, jetzt tropft lediglich alle 10m ein Tröpfchen, über den Alpen am Horizont sehen wir das düstere Wolkengebirge. Abendessen mit importiertem Leberkäse und österreichischem Rotwein (wir konnten nicht so schnell verzehren, wie das Wetter uns trieb) unter italienischer Mittelmeersonne.
8.Juni, Sonnabend Morgens halb acht in Italien und die Sonne scheint! Über den Alpen noch immer dichtes Dunkel. Konsequenz: wir bleiben noch. Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Suche nach den sagenhaften Schotterpässen in Slovenien. Der erste kleine Grenzübergang, den wir finden, ist nur für Italiker und Slovenskis. Wieder zurück. Auf dem kleinen Weg kommt ein Rehkitz wackelig aus dem Busch gestiefelt, hört uns und legt sich flach auf die Strasse, guckt uns mit grossen schwarzen Augen an in der festen Überzeugung, jetzt in Deckung zu sein. Es muss noch viel lernen. Im Rückspiegel sehen wir das gepunktete Tierchen unbeholfen weiterstaksen. Der nächste Grenzübergang klappt (auch slovenische Zöllner können nicht gehen und sind nach dem Präsidenten die wichtigsten Mannen im Land), allerdings sehen wir in höheren Lagen wieder diese unbeliebten Schwaden am Berg. Also begnügen wir uns mit Mittelgebirgeformat, da ist´s sonnig. Eine Schotterpiste finden wir, zwar nur geradeaus, dafür aber Extremholpering. So gurken wir leicht ziellos durch die Gegend, die Landschaft hier mässig interessant, kaum Menschen zu sehen und beschliessen, in Kultur zu machen. Ab zu die Römers, Aquileia ruft. Römische Krümel in rauhen Mengen, eine sonnenbestrahlte Basilika und vom vielstufigen Campanile ein grosser 360 Grad- Blick. Im Friaul haben wir Nordheiden auch ein paar Gene untergemischt. Damals war Aquileia noch Hafenstadt. Zurück zum Campingplatz, Tortellinis aus dem Blechnapf, am Strand liegen, faulenzen, lesen, Meteorologe spielen. Sogar ein kleiner Spaziergang. Am Abend zieht sich der Himmel schon wieder etwas zu. Die Wolkentürme über den Bergen stapeln sich kilometerhoch. Trotzdem hoffen wir, dass das Schlimmste in den Alpen vorrüber ist. Ein deutscher Nachrichtensender sprach von Unwettern mit Toten in Süddeutschland. Wie letztes Jahr in den Pyrenäen scheinen wir Glück(=gute Reaktion) im Unglück zu haben.
9.Juni, Sonntag Von wegen. Als wir aufstehen, ist es bewölkt und tröpfelt, aber warm. Auf keinen Fall kann uns das Wetter davon abbringen, die Route nach Norden durch Slovenien zu nehmen. Direkt hinter Gorizio beginnt die Strasse entlang des Flusses Soca. Zunächst verllief sie ruhig, fast langweilig; später jedoch, als sich die Gebirge links und rechts des Flusstales immer höher und steiler türmten, wurde auch das Fahren durch Steigungen und Serpentinen interessanter. Der Tröpfelregen liess über weite Strecken sogar die Fahrbahn trocken und griffig. Die Strasse endete an einem Punkt, den wir zwei Tage vorher schon befahren hatten: den Grenzpass Passo di Predil. Überraschenderweise wurden in höheren Lagen die Wolken dichter und wir durchfeuchteten allmählich. Trotzdem konnten wir nicht von der Idee ablassen, eine kleine gelbe Passtrasse über den Sella Nevea zu nehmen. Aber ausser viel Wald, fast Urwald und noch mehr Wolken sahen wir nicht viel. Bei Sonne muss die Strecke ein Traum sein. Die Endstation: Forte Chiuso. Wieder landeten wir in Pontebba. Eigentlich stand eine weitere Passfahrt an, aber ich war von kladdernassen Serpentinen im wahrsten Sinne des Wortes angepisst. Ich wollte breite Täler, dorthin verirrt der Regen sich seltener. Also bretterten wir trocken nach Villach, weiter nach Spittal wo wir weltenbürgermässig bei Mc Donald unserem sehr knurrenden Magen das Maul stopften.Dann überlegten wir mal wieder, wohin. Wir wollten raus aus den Alpen. Sehen konnte man sie eh nicht. Ab nach Norden, erst an der Autobahn entlang, was einigermassen trocken ablief. Sofort wurden wir wieder leichtsinnig und fuhren zum Katschbergpass. Sehr harmlos und fast trocken. Der Obere Tauern folgte zwangsläufig. Es wurde feuchter. Und kälter. Und dunkler. Die Bäume schwanden und zackelige, graue, eisbedeckte Gipfel tauchten vor uns auf. Noch fühlte ich mich mit meinen Heizgriffen wie die Queen der Passhöhen, aber als wir oben ankamen, verging mir das Lachen: vor uns war NICHTS zu sehen, nur eine graue, wabernde Masse und nur wenige Sekunden später machte ein Platzregen die Serpentinen zu dunklen Flüssen und unsere mühsam angetrocknete Kleidung wurde bis Pfützen in der Unterbüx durchnässt. Dabei sollte sie ãwasserdicht sein. Extrem anstrengendes Fahren nach unten. War ich genervt! Wir wollten nach Salzburg. Ins Flachland!
11.Juni Jetzt sitzen wir auf Kieseln am Ufer von Vadder Rhein in der untergehenden Sonne. Dieser Stimmung kann auch der gegenüberliegende Industriehafen nichts anhaben. Aber der Reihe nach: Gestern morgen fuhren wir gegen 10h bei 101% Luftfeuchtigkeit los, raus aus den Alpen!! Dauernass kamen wir in Mozart, äh, Salzburg an und suchten in der ganzen Stadt einen Motorradbekleidungsladen - es war zu auffällig geworden, wo wir undichte Stellen hatten. Für die Architektur waren keine Kapazitäten übrig. Der Erste, in den wir reintropften, hatte keine Auswahl und war zu teuer, also wieder durch die Stadt. Bei Hein Gericke liessen wir uns dann zwei Stunden Zeit ( in der Zeit konnten die Wolken, die von Westen kamen, schon langsam über uns herüberziehen), probierten alles an, was herumhing ,Thorsten kaufte den halben Laden leer, dafür füllte sich der dortige Mülleimer mit unseren Altlasten. Ich ergatterte wasserdichte(hoffentlich!) Stiefel und konnte endlich die furchtbaren Schlumpfüberzieher entsorgen. Freudig und auf jeden Tropfen wartend setzten wir die Fahrt fort. Es funktionierte! Berge sahen wir übrigens keinen Einzigen, alle weg, nur Milchsuppe. Ab auf die Autobahn, raus ins Tal und nach München! Hier waren wenigstens die Strassen trocken, die Wolken über uns und nicht mehr um uns herum. Am Chiemsee riefen wir Mone und Richard an: Lust auf Besuch? Klar! Also weiter schnelles, ätzendes Autobahngebrezel nach Stuttgart. In der schwäbischen Alb bei Merklingen weg von der Bahn über Urach noch schöne Landschaft und ein paar Lockerungskurven. In Stuttgart grosses Halloo, Dusche und ab zum Italiener. Erzählen von unserer Tour und der geplanten Indienreise der Beiden im September. Zu Hause tranken wir noch das ein oder andere Gläschen Wein - wir konnten ja ausschlafen... Liebevoll vorbereitetes Frühstück nebst Karte der Vogesen, die wir gestern als mögliches Ziel angepeilt haben. Um 11h erstmal wieder nach Süden in den Schwarzwald - dort soll Sonne scheinen. Über Weil der Stadt (Anm.des Gemackers: ãfalsch, weil es eigentlich entweder ãWeil die Stadt oder ãWegen der Stadt heissen müsste). Weiter diesem Fluss folgend über Calw, Horb, an den Neckar bis Rottweil. Kaffeepause. Einsegeln in den Schwarzwald. Über Königsdings, Feldberg - da kriegte ich wieder Zustände: hoch->Wolken, kalt, grau, sogar Schnee auf dem Berg. Ich hasse Berge. Breisach voraus, über kleine Strässchen kurvig und fast für uns allein (vorher viele Lkw´s, die uns die Kurven versauten. Anm. Mackermein Moped fährt wie ein Sack Kartoffeln!), es ist Wochentag, kaum ein Moped unterwegs und: der Himmel wurde hell und heller! Raus aus den schwarzen Bergen und rein in die Rheinebene, über uns BLAUER Himmel!! Auf der französischen Seite 2m hinter der Grenze fanden wir einen Campingplatz (der deutsche CP vorher war zu deutsch). Als wir ankamen.musste ich mich erstmal in die Sonne legen. T.Rex hatte noch nicht genug und motorte zum nächsten Winzer. Derweil erfrischte ich mich mit planbarem Nass aus dem Duschkopf. Als ich da rauskam, schien die Sonne immer noch. Es wurde Huhn gebraten, ein guter Wein dazu getrunken und anschliessend zum Rheinufer spaziert.
12. Juni Heute starteten wir ins Elsaß. Das sind Srassen, da träumst Du von!! Die Sonne scheint und und kleine Strässchen ohne Geraden durch Felder und Hügel und Wiesen und Wälder. Die Städtchen zuckersüss. Gegen Mittag wurden wir in unseren wasserdichten Klamotten, mehreren Pullovern (das Misstrauen sass tief) geradezu gekocht. Plötzlich ist Sommer! In einem kleinen Kaff nahe Barr (sehr schön) stoppten wir an einem kleinen Restaurant mit schattigem Plätzchen und entkleideten uns unter verständnisvollem Lächeln anderer Gäste fast vollständig. Frischer Salat und Kaffee und Pause. Das Verstauen der monströsen Weltuntergangssicherheitskleidung artete allerdings zu einem logistischen Grossprojekt aus. Die Mopeds hingen in den Knien. Weiter ging es Serpentinen rauf und runter, wir konnten die Mopeds, uns und die Strassen mit verschiedenen Tempi austesten. Erste Stressmomente zeigten sich bei mir, als ich von der Beschilderung genervt wurde, die immer nur das nächste Dorf bezeichnete und ich an jeder Ecke anhalten musste. Den Ärger konnte ich in den Serpentinen wieder raustoben. Aber nach Stunden nur Strassen angucken (bei unserem Tempo war das notwendig) und zunehmender Erschöpfung, war ich vorsichtig ausgedrückt, gelangweilt. Das Bedürfnis, welches ich gestern schon hatte, wuchs zur Gewissheit: ich brauch auch mal einen Tag ohne Mopedfahren, einfach faulenzen, durch Städtchen streifen - also sowas absurdes wie Urlaub...Prag ist lange her. Ich wollte auf dem nächsten Campingplatz einen Tag in der Sonne verbringen. Inzwischen war es ca.17h und der Blick an den Himmel nahm mir die Hoffnung . es zogen mal wieder dicke Wolken auf. Hmpf. Jetzt fingen wir an, einen Campingplatz zu suchen. Nichts war uns gut genug und nach einigem Herumsuchen landeten wir um 19h aus einem Camping Municipale in Saverne. Beide waren wir von 8 Stunden konzentriertem Serpentinenfahren fast unbemerkt so k.o., dass wir uns recht unsachlich anzickten. Einkaufen im ãSuper U, Baguettes, carottes rapées, President Butter = Frankreich. Beim Abendessen wurde alles ruhig besprochen. Der Tag war voll mit den herrlichsten Strecken bei schönstem Wetter, jetzt sitzen wir mit der Campingkerze in die Weidenäste gehängt sehr gemütlich vorm Zelt und alles ist gut. Morgen wird ausgeschlafen und ruhigere Strecken (schon geographisch kaum anders möglich) angestrebt. Vielleicht machen wir den nächsten Urlaub doch mehr von Basiscamps aus. Diesmal war es sehr kurzfristig und die Route vom Wetter diktiert. Ist eben kein Pauschalurlaub.
13. Juni Lange geschlafen und gefrühstückt und übersät mit hunderten kleiner Mückenstiche -trotz Autan - tuckern wir los in den Hunsrück, den kannten wir beide noch nicht. Durch Sarreguemines und Saarbrücken, überlasterte Hauptstrecken durch öde Landschaft. Gleich war ich davon und von einsetzendem Nieselregen wieder genervt.Das schöne Wetter und Frankreich hatten wir hinter uns gelassen. Dann kam hinter Saarbrücken der Hunsrück. Wir wollten die Hunsrückhöhenstrasse, wg. des Filmes ãHeimat, den wir in allen Teilen mit Freunden angesehen haben, befahren. Herr Marx fand alles sehr schön - die weite, hügelige Landschaft - während ich eine Figur aus dem Film, die wortlos nach Amerika ausgewandert ist, sehr gut verstehen konnte. Sehr kalt, nass, langweilig, ungemütlich, unschöne bis lieblose Dörfer, keine Menschen. Die Höhenstrasse war zwar gerade, kalt und menschenleer, aber man hatte wenigstens einen weiten Blick ins Land. Übrigens fuhren wir durch einen Ort, der hiess sogar ãLangweiler ... Endlich konnten wir Richtung St. Goar ins Rheintal einbiegen, fuhren eine kleine Strasse mit grossem Blick über die ãRheinschluchten Serpentinen entlang in die Wärme. Bei Boppard setzten wir mit einer kleinen Fähre über und campen auf einem fiesen Dauercamperplatz, aber mit Fluss direkt vor und Burg hinter uns und beobachten die Rheinschiffer. Habe mich mal wieder schwergetan mit der Einreise nach Deutschland. Glücklich bin ich über mein Moped: zwar nimmt das viele Gepäck etwas von ihrer Leichtigkeit, aber sie ist wendig und gegen die R45 geradezu lustvoll bei Überholmanövern, freut sich auf jede Serpentine und fährt so selbstverständlich unter meinem Hintern, dass ich bis jetzt scgriftkich kaum gewürdigt habe.
14. Juni, Freitag Das Ende dieser freien Reise kommt immer näher.Mit Sonnenstrahlen brummen wir ins Bergische und ins Sauerland über Olpe.Dort Schwerlasterattacke! Baustellen, Stau, Hitze, Staub. Thorsten supergenervt, hinter Meschede endlich freie frische Fahrt auf breiten Strasse. Wir schaffen es tatsächlich bis an die Weser bei Höxter. Campingplatz auf grossem Grün in Heinsen. Extremduschung und Essen bringen lassen (im Restaurant). Abends bei Rotwein und mal wieder Blick auf einen Fluss lassen wir den Urlaub Revue passieren: das Schöne und Dinge, die wir anders machen wollen, um auch dem Entspannungsfaktor Nichtstun gerechter zu werden.Deutschland kennen wir inzwischen ganz gut, also vielleicht mal wieder mit dem Zug näher an eine fernes Ziel? Und auch mal länger an einem Ort bleiben. Das erspart viel Auf- und Abbau, einen intensiveren Einblick in die Umgebung und eben auch einfach mal sonnen, lesen und kulturen. Vielleicht klappt´s ja. Denn wenn wir beide erstmal fahren, werden wir so blöd im Kopf (bzw. rauschhaft), dass Anhalten erst bei Erschöpfung geht. Bei Rimsky-Korsakovs ãSheherazade sahen wir dem dunstigen Fluss in der Abenddämmerung zu, machten uns über den stumpfsinnigen Kuckuck lustig und schliefen fest. Bis 3h. Da kam das Gewitter. DAS musste zum Schluss nicht noch sein! Blitz und Donner macht nix, aber mit Regen hatten wir diesmal nicht gerechnet. Wir mussten ein paar Sachen ins Zelt retten, welches aber auch an einigen Stellen viel Flüssigkeit einliess. Thorsten musste stärker abspannen, die Mückenstiche juckten. Wir haben es überlebt und morgens schien wieder die Sonne auf unsere durchnässten Sachen. Frühstück.Kaum hatten wir den letzten Bissen runtegeschluckt, donnerte das nächste Gewitter auf uns herab. Jetzt fing ich aber doch an, mich auf meine feste Behausung zu freuen. An der Leine entlang fanden wir durch den geraden Norden einen ganz schönen Weg nach Hamburg und wurden sofort wehmütig, als die Mopeds im Hintehof angeleint waren. | ||