Am 14. September 2012 beginnt der Deutsche Herbst und wir verlassen das Land. Ein kalter Wind schiebt uns zum Bahnhof Altona und keine halbe Stunde später klebt „Alessandria“ an den Mopeds.
Eigentlich lag Island auf der Reiseroute dieses Sommers, alles war organisiert, dann kam meine Begegnung mit einem Laster dazwischen. Die Zwangspause wurde zum Nachdenken genutzt: nun stehen statt der Harley Iron und der BMW R65GS zwei schicke Chopper auf dem Zug. Eine sonnenuntergangsorange Kawasaki Vulcan 900 und eine original Honda 750 S(portster).
Unter Tränen hatte Thorsten gestern Kofferhalter an sein Schiff operiert, meine Honda duckt sich unter unter dem Touareg – Endurotankrucksack. Aber wir fahren schließlich nicht zu einem Schönheitswettbewerb. Die Operation Alpenchopper beginnt.
Sonnabend, 15.9.
Die Dame des italienischen Autoverlad glich fehlendes Vokabular durch gellende Lautstärke aus, aber nun sitzen wir zufrieden in der Sonne, vor uns stehen zwei Cappucchini und Tostini, da wollen wir uns mal nicht beklagen. Die zu fahrende Himmelsrichtung ist klar: im Westen liegen die nächsten Berge. Turin umfahren wir in einem sehr weiten, südlichen Bogen. Kurven durch goldene Hügel, die Weinernte ist in vollem Gang. Wir breiten uns in aller Coolness auf den Highways aus – und werden sofort von telefonierenden Mädchen auf Rollern versägt. Zugegeben ist die Route kleinteilig und so erreichen wir erst am späten Nachmittag das Val de Chisone, in dem wir nächtigen wollen. Horden von japanischen Wurfgeschossen und Schottertouristen kommen uns entgegen und erzählen von Strassen aus Motorradfahrerträumen. Das „Camp Africa“ finden wir am Ende des Tals und somit deutlich höher als erwartet, locker 1400 m. Aber der betrunkene Platzwart tröstet uns: in dieser Nacht wird es bestimmt nicht schneien, wie in der Letzten.... Deshalb zeltet ausser uns auch niemand, aber wir haben ja Globetrotter das komplette Island - Equipment abgekauft. Thorstens Hammerschläge hallen durch das einsame Tal, der Tisch ist vorbereitet mit eiskaltem Wein und Vitello Tonnato, wir reden uns den lauen Sommerabend herbei, aber die Temperatur sinkt so schnell wie die Sonne.
Sonntag, 16.9.
Die Nacht war SEHR SEHR kalt. Um 9 Uhr rollen wir deshalb schon wieder auf dem Asphalt den Berg hoch Richtung Briancon. Frühnebel lichtet sich, Sonnenstrahlen blinzeln auf Bergspitzen, bald leuchtet strahlend blauer Himmel und die Luft wird herrlich warm. Auf dem Weg liegen zwei Pässe: Sestrière und Montgenevre. Rennstrecken. Um uns herum wuseln jaulende Japaner, ballernde Einzylinder, aber die Masse sind BMW GSse. Ungerührt üben wir derweil, zügig, aber ohne Fussrastengeschrabbel um die Tornantii zu gleiten.
Inzwischen trinken wir Café au lait, und da der Col d´Iseran angeblich gesperrt ist, steuern wir den Izoard an. Die Serpents flutschen nur so unter unseren Reifen entlang und schnell ist die Baumgrenze erreicht. Felsnadeln wachsen aus dem Geröll, wieder pfeilen an uns die Turiner auf ihrer Hausstrecke entlang, hinten draufgeklemmt Ragazzi, gern im Disco-Outfit. Sie feiern oben auf der Passhöhe das Wochenende, wir geniessen eher abgeklärt die Weitsicht und wickeln uns bald den Pass wieder runter. Auf dem Weg nach Guillestre blubbern wir durch die spektakuläre Schlucht des Guil, vorbei an lauernden Fotografen, die tanzende Wildwasserkanuten schiessen wollen.
W e s t a l p e n i m H e r b s t
Heute Nacht hätten wir es gern warm und gemütlich, also buchen wir ein Zimmer in Guillestre und fahren ohne Gepäck weiter Richtung Passo d`Agnello. Tanken wäre gut. Auf der Suche nach einer Zapfsäule geraten wir auf die ziemlich schnelle Route 91. Eine Fahrt wie im Werbefilm. Spätnachmittagssonne, der Highway zwischen den Bergketten des Queyras und des Ecrins am Horizont, als wären es die Rocky Mountains. Nach mehreren hektischen Versuchen kapieren wir Gringos dann auch, dass eine normale EC Karte am Tankomaten durchaus funktioniert, wenn man sie richtig herum in den Schlitz schiebt. Entspannt streichen wir den Agnel und gönnen wir uns ein Picknick mit Ausblick und streifen dann noch auf kleinen Strassen herum, in der Hoffnung, einen 4000er zu erspähen, landen statt dessen in einem geisterhaft menschenleeren Skiort von umwerfender Hässlichkeit. Auf dem abendlichen Balkon stimmt heute die Temperatur des Weines, die Knochen summen und unter uns flimmern die Lichter Guillestres.
Montag, 17.9.
Morgens decken wir uns auf dem Wochenmarkt der Köstlichkeiten mit Proviant ein. Der Cime de la Bonette liegt vor der Haustür, die Sonne scheint, und dort nicht hin zufahren, wäre pervers. Wie vor 14 Jahren – ich damals noch ohne Führerschein auf einer 125er, Thorsten auf einer stinkenden 350er Jawa – machen wir uns über den Col de Vars auf den Weg zur angeblich höchsten, öffentlichen Strasse Europas. Wir haben fast vergessen, welches Schauspiel die Natur hier inszeniert, sich die Strasse immer höher in den Himmel windet. Sie ist in wesentlich besserem Zustand als damals, so dass man nicht ständig Angst haben muss, mit einem Stück bröckelndem Asphalt in die Tiefe zu stürzen. Es sind nur wenige Motorräder unterwegs, alle fahren ruhig, weil der Blick sowieso mehr in der Bergwelt als auf der Strasse hängt. Zu Fuss noch die letzten Meter auf 2900m Höhe, kaum ein Wölkchen trübt den Panoramablick
Wir picknicken zwischen pfeifenden Murmeltieren in den Weiten der Berghänge und wollen dann nochmal den Col d`Agnel in Angriff nehmen. Über den Col de Vars holpern wir zurück, neben uns ziehen ockerfarbene Wiesen und die grauen Felsen des Queyras vorbei. Wieder hallt es durch die Gorge de Guil, die Strasse wie ein besoffener Strich in die Schluchtwand geritzt. Die Anfahrt zum Pass finden wir beinahe nicht, weil ein Bagger in einem winzigen Dorf gleich 3 Strassen versperrt. Amüsiert beobachten die Einwohner unsere Routensuche, die auf mancher Kuhwiese endet. Dann folgt eine ewig lange, winzige Strasse, die sich an schwindelfreien Kühen entlang mäandert. Wir beginnen uns zu langweilen, es wird kalt. Plötzlich eine Handvoll messerscharfe Serpentinen, Schnee auf Felsspitzen, wir mutmaßen, dass der Pass wohl höher liegt, als angenommen.
Das Ende liegt auf knackigen 2700m und wir bekommen Schnappatmung. Drüben liegt ein Wolkenmeer in der Frühabendsonne, einzelne Gipfel ragen wie Felsen in der Brandung heraus und darunter liegt irgendwo Italien. Kaum erkennbar stürzt die Strasse an den Abgründen entlang nach unten und verschwindet aus dem Blickfeld. Unser Zimmer liegt aber in Frankreich, so müssen wir umkehren, segeln durch tabakfarbene Hänge in die Tiefe zurück, vor uns die Skyline der Alpen.
Dienstag, 18.9.
Große Runde: Einmal den Parc National des Ecrins umfahren. Weite Strassen zwischen mächtigen Gebirgszügen. Wir lassen die Cruiser genüsslich durch diese Landschaft gleiten und träumen. Plötzlich tanzt Thorsten vor mir wild auf dem Motorrad herum, kommt hektisch quietschend am Straßenrand zum Stehen. Eine Wespe hat den Jethelm genutzt und ihm im Naseninneren gestochen. Aua. Der Taschentuchvorrat wird aufgebraucht, er fühlt sich wie taub nach dem Zahnarzt, aber gucken und atmen klappt irgendwie. Fahren sowieso. Also geht es mit laufender Nase weiter zum Col de Lautaret.
Dort hat auch der Col de Galibier seine Wurzeln, also müssen wir hinauf. Sehr schnell sind wir dem Himmel näher als der Erde, die man nur weit unter uns als Modellbahnlandschaft erkennt. Da ist sie wieder, meine Höhenangst. Ziemlich spitzärschig lässt sie mich um die Serpentinen lenken. Der kleine Parkplatz auf der Passhöhe ist voll mit Harleyfahrern, wir finden kaum Abstellfläche. Dafür sehen wir den Mont Blanc weit und weiss über allem am Horizont. Dem Piloten einer Rundflugchessna winken wir auf Augenhöhe zu. In eisigen Höhen an La Grave vorbei, ein auf der Karte verwegen wirkender Abkürzungspass Richtung Gap ist hingegen eher schwarzwaldig.
Es folgt wieder ein Haupttal, umrahmt von felsigen Dreitausendern, die bedrohlich in dunklen Wolken stecken. Am Ufer der Lac de Serre lockt ein traumhaft gelegener Campingplatz. Hier weht eine warme Brise, das Zelt steht prominent allein auf einer Landzunge, vor uns blaues Wasser und ein Inselchen mit einer Kapelle.
Mittwoch, 19.9.
Nur ein paar sanfte Regenwolken fielen nachts auf das Zelt. Den Frühstückstisch zerren wir in ein Fleckchen Sonne, denn ohne diese wird die Nase blau. Der Himmel ist es schon wieder. Also starten wir zur Seeumrundung. Hoch über dem unnatürlich türkisen Wasser führt der Weg entlang, eine Traumstrecke. Auf der Karte hatten wir eine Schlucht im Süden entdeckt, zu der wir jetzt abbiegen, es geht ein gutes Stück öde durch eine Agrarhochebene Richtung Digne le Bains, dann öffnet sich die schmale Schlucht nur kurz in romantischer Wildheit. Das Café mit dem dringend nötigen Croissant finden wir hier nicht, denn hier ist nichts. Wir drehen hungrig bei und setzen die Seerunde fort. Lautlos über uns treiben bunte Heere von Paraglidern durch das tiefe Blau, die noch besser als wir das Postkartenpanorama im Blick haben. Auf dem Rückweg bläst uns ein strammer Mistral entgegen, schön für den blauen Himmel, aber unser Zelt hängt wie ein Fallschirm an den restlichen Heringen. Eilig wird es an einem geschützteren Platz festgetackert. Im Windschatten köcheln wir eine heisse Suppe, aber als die Sonne hinter den Bergen verschwindet, und das tut sie zur Tagesschau, ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Um 21h schliessen wir das Zelt von innen.
Donnerstag, 20.9.
Thorsten ist um 4h ausgeschlafen, hört den Wölfen und der lauten Stille zu. Ich weigere mich, vor der Sonne aus dem Zelt zu krabbeln. Plan: Wir fahren weiter nach Süden, schließlich wollen wir nicht die Hälfte des Urlaubs im Zelt verbringen. Auf dem Weg in die Wärme liegt der Col de Cayolle. Der Abzweig hinter Barcelonette ist derart holprig und eng, voll mit Rollsplitt und uneinsehbar, dass meine Phantasie für die Passfahrt das Schlimmste befürchtet. Mit dem Motorrad bin ich hochzufrieden, sie gleitet ungefragt durch alle Kehren aber nach so einer Klettertour steht mir heute nicht der Sinn. Wir disponieren um. In Barcelonette wird ein Zimmer für zwei Tage gebucht, praktischerweise über einer Bar, hell und geräumig mit Blick auf einen lebendigen Platz. Wir bummeln durch den Ort, trinken Kaffee, abends verspeisen wir in einem gemütlichen Garten Pizza und viel Wein und fallen dann ins warme Bett, ganz wie im Urlaub.
Freitag, 21.9.
Thorsten will aber unbedingt den Col de Cayolle, den Col de Champs und den Col d`Allos unter die Räder nehmen. Ich bin etwas etwas passmüde, also wird sein Candybomber dem Soziatest unterzogen. Während der Holperfahrt zum Cayolle suche ich noch die richtige Sitzposition, aber die sehr romantische Schlucht lenkt mich schnell ab. Entgegen der Befürchtung wird der Pass oben eher breiter und die Strasse besser. Aber egal, ich geniesse die Fahrt jetzt auch als Beifahrer. Wir machen häufiger Pausen, um Arsch und Rücken zu entfalten, aber es geht insgesamt viel besser als erwartet. Der Col de Champs führt erst endlos im Zickzack durch den Wald, nach Verlassen der Baumgrenze erscheint eine weite, hochalpine Ebene. Picknick in einem Gemälde, Stille, Adler kreisen über uns, ein paar Schafe bimmeln im Gebirge.
Wir sausen zurück nach Guillaume, immer tiefer bis in die Gorges de Daluis: rotbraune Steilwände, ein spektakulärer Canyon, die Straße oben an der Kante kunstvoll hineingemeißelt. Richtung Westen spürt man durch das Tal schon das Mittelmeer, die Pflanzen sehen anders aus, es ist warm, duftet und Zikaden zirpen. Wieder rollen wir die Hänge hoch, die Auffahrt zum Col d`Allos von Süden führt unter menschenleeren Sesselliften durch, gelbe Weiden mit rotbraunen Kühen. Murmeltiere flüchten genervt von der Strasse. Ganz anders die Abfahrt. Die sind wir auch schon gefahren, aber hatten sie verdrängt, die feldwegartige Buckelpiste zwischen Himmel und Erde, einspurig in die senkrechte Felswand geschnitten, der Abgrund immer eine Armlänge neben uns. Adrenalin im Abendrot. Thorsten schippert die dicke Vulcan souverän um alle Klippen. Nach ungezählten Kurven fallen wir tief zufrieden an der Bar ins Bier.
Sonntag, 23.9.
Faulenzerei. Zum Baden ist es uns nicht heiß genug, es reicht ein Eis am Meer. Der Himmel ist hier immer suppig. Zum Einkaufen starten wir einen Test auf der Honda zu Zweit, das ist nicht lustig. Da ich Satteltaschen verweigert hatte, trage ich den Rucksack mit Wasser und 11%igem, hänge wie Affe hinten drauf und jedes Schlagloch stampft sich durch die Wirbelsäule. Abends gehen wir in der platzeigenen Pizzeria, die inzwischen einen Swimmingpool und eine eitle Liegewiese hat, eine letzte Pizza essen, trinken und quatschen lange draussen. Campingplatzbewohner tasten sich mit Taschenlampen durch den lauen Abend.
Samstag, 22.9.
Routenplanung Mittelmeer, denn es droht Regen. In sehr frischer Morgenfrische über den Col de Larche. An der Baumgrenze wünschen wir uns unsere Griffheizung zurück. Hinter dem Pass tauchen wir in 15 Tornanten steil und schnell in das diesige Tal nach Italien ab. Kolonnen von Bikern kommen uns entgegen – es ist Wochenende und die Jungs haben viel vor. Wie gut, dass wir die Pässe gestern für uns allein hatten. Die Strasse führt durch Schluchten und Tunnel, rauschhaftes Kurvengleiten durch Italien, dann wieder Frankreich, wieder Italien. Die ersten Olivenbäume und Palmen grüssen, ein Schwall Wärme empfängt uns im Süden. In Ventimiglia spült uns der dichte Verkehr an die Küste. Wir gleiten durch die Städte mit der Armee von Rollern, die überall durchpassen, alles passend machen. Salzluft steigt uns in die Nase, wir lassen uns ohne Hast treiben, parken in Imperia vor einem mondänen Café und pimpen uns mit due Cappuccini. Unser Tagesziel ist der Campingplatz von 2009 in St. Marthino. Wir finden tatsächlich den sorgsam versteckten Abzweig und klettern das irrwitzige Strässchen durch den Ort, bis wir wieder auf „unserem“ Platz das Zelt entfalten. Kurz danach gluckert der Wein in die Kehlen. Nur der Gärtner Manolo und die Glühwürmchen sind nicht mehr da.
Montag 24.9.
Letzter Tag. Um 9h30 fließen wir im Nieselregen zusammen mit der arbeitenden Bevölkerung auf der Küstenstrasse Richtung Genua. Vom Meer sehen wir nur selten etwas und in Vestri biegen wir ins Hinterland ab. Wir überwinden einen äußerst kleinen, steilen Pass durchs nasses Grün. Die Autobahn verläuft irgendwo oben als Betonstrang durch den Himmel. Es folgt ein ungewohntes Hindernis in diesem Land: kriechende Kleinwagen. Das holen wir unten in der Poebene mit 120 Sachen wieder raus, der Helm hängt fast hinter dem Kopf. Die hügellosen Felder stauchen sich unter bleischwerem Himmel und mit Alessandria erreichen wir unser Endziel und den ersten richtigen Regen. Egal jetzt. Am Marktplatz sitzen wir die Zeit bis zur Abfahrt ab, stapfen unbeeindruckt an der keifenden Verladefrau vorbei, belegen unser Abteil und lassen uns nach Norden gondeln, Füße hoch, den Blick aus dem Fenster auf die verschwindenden Bergketten.
Text: Anja Leonhardt und Thorsten Marx
Fotos: Thorsten Marx und Anja Leonhardt