| 22.07.98 - weiter gen Norden Heute soll mal wieder "Strecke gemacht" werden. Vier Pässe haben wir uns vorgenommen; wir werden die Provence verlassen und uns wieder in nördlicheres Gebiet vorarbeiten. Zunächst bleiben wir dem Verdon treu, kurven an dessen Ufer entlang, mal durch breite Täler, dann wieder durch enge Schluchten. Unscheinbare Bergdörfer wechseln sich mit touristisch orientierten Käffern ab. Am Ende des Tals dann wieder eins von diesen künstlichen, retortenartig angelegten Wintersportgeschwüren. Menschenleer und häßlich, architektonisch vollkommen unpassend in dieser Gegend. Von hier aus windet sich der Col d´Allos am Hang hinauf. Von dieser Seite keine besonders aufregende Paßauffahrt, allerdings sind wir mitten in eine Oldtimerrally geraten. Unabläßlich kommen uns rassige Sportwagen aus den 60er Jahren entgegengebrummt. Durch weite Wiesen mit Wäldern von Sesselliftmasten kämpfen wir uns nach oben. Ein reines Wintersportgebiet, daß im Sommer geradezu brach liegt. Nach dem obligatorischen Paßfoto nebst Zigarette folgt die viel schönere Abfahrt. Verdammt steil geht es nach unten. An grauen Felswänden entlang, weiter unten von dunklen Bäumen eingerahmt, stürzt sich das Sträßchen in die Tiefe, überwindet tiefe Schluchten auf kühnen Brückenbauwerken, führt über bröselige Stützmauern und unter massiven Galerien hindurch. Wir halten uns immer möglichst nah an der Hangseite. Ich nehme den Gang raus und lasse die Jawa rollen. Der Paß endet auf einer gut ausgebauten Hauptstraße, die uns nach Westen erneut zu einem wunderschönen, weiten, türkis leuchtenden See bringt. Genüßlich fahren wir die Straße an einem Hang hinauf, der Ausblick ist wieder mal grandios. Leider werde ich langsam etwas unentspannt, denn schon seit einigen Kilometern fahre ich auf Reserve, und allmählich könnte gerne mal eine Tankstelle auftauchen. Es kommt keine. Ich schalte auf Sparmodus um, fahre ganz langsam, vermeide hohe Drehzahlen, schalte bei Gefälle sofort den Motor aus und rolle. Nach vielen motorlosen Kilometern dann endlich, kurz vor Ärger, eine Stadt, eine Tankstelle. Gierig schlürft die Maschine das Benzin auf. An der Tankstelle sitzen schwitzend ein paar deutsche Biker mit Sportmaschinen, einer von ihnen hat einen platten Reifen. Der Arme. Wir fahren weiter auf einer angenehmen Hauptstraße an der Durance entlang. In Briancon treffen wir das erste Mal auf unsere alte Route. Wir halten uns aber nicht länger auf, sondern düsen gleich weiter nach Westen, wo zwei große Pässe auf uns warten: der Col de Lauteran und gleich im Anschluß der Col de Galibier. Die Steigung beginnt sehr sanft. Ganz allmählich und überwiegend gerade gewinnt die breite Fahrbahn an Höhe. Die Gipfelkette am Horizont machte jedoch klar: es wird hoch! Und in der Tat; auf der Paßhöhe des Lauteran zweigt rechts der Col de Galibier ab, und der hat es wirklich in sich. Um baumlose, grüne Kuppen herum schrauben wir uns in den Himmel. Gegenüber riesige, gletscherzerfressene Zacken, deutlich über 4000m hoch. Der Blick nach unten verursacht Schwindel, die Straße, auf der wir selber fahren, kringelt sich dort unten haarfein um Kuppen und Felsen. Oben das gewohnte Bild von kargen Schotterbergen, Schneeflächen. Auf der engen Paßhöhe weht ein eisiger Wind. Der kleine Parkplatz ist von Motorrädern geradezu überfüllt. Auch einige der obligatorischen Wohnmobile sind wieder da. Zigarette, Abfahrt. Wieder wachsen die Zacken zu gewaltigen Riesen heran, Vor uns fährt ein besonders vorsichtiger Autofahrer, bei 20 - 30 km/h haben wir genug Muße, die Aussicht zu genießen. Die Berge in Savoien sind beeindruckender und karstiger als die im Süden. Am gegenüberliegenden Berg sehe ich eine dünne Schotterstrecke, die irgendwo zwischen den Gipfeln verschwindet. Nächstes mal komme ich mit einer kleinen, leichten Enduro hier her... Auf halber Höhe wollen wir eigentlich campen, aber der Platz ist voll. Also fahren wir gleich weiter zum kleinen Col de Telegraph. Der Paß ist vergleichsweise niedlich. Oben halten wir nicht mal an. In satten, breit angelegten Kehren schwingen wir hinunter. Das erste Mal lernen wir ein Tal mit Hauptverkehrsadern kennen. Autobahn, Landstraßen, Eisenbahnen, Industrie. Klar, irgendwo muß es in den Bergen ja auch so etwas wie Infrastruktur geben. Die Orte folgen in kurzen Abständen aufeinander. Im häßlichen St. Jean schlagen wir unser Zelt auf einem "Camping Municipal" auf. Ein städtischer Campingplatz ohne Komfort für 10 Mark. Dem Sonnenuntergang, der die Bergspitzen rot leuchten läßt, ist es egal. Uns auch. | | |