| 23.07.98 - weiter bis in die Schweiz Im Frühtau zu Berge verlassen wir das Tal und fahren den Col de la Madelaine hinauf. Die Auffahrt ist so lieblich, wie sich der Name anhört. Waldstücke, Kuhwiesen, frische Luft. Auf 1/3 Höhe wieder eines dieser leeren, gesichtslosen Skidörfer. Auf der Paßhöhe holen wir ersteinmal die Thermoskanne raus und frühstücken. Die Souvenierbuden machen gerade erst auf. In beiden Richtungen tauchen aus dem Morgendunst schneebedeckte Gipfel auf. im Norden thront in gleißendem Weiß der uns bereits vertraute Montblanc. Obwohl über 100 km entfernt, überragt er alle anderen Berge um mehr als das Doppelte. Er wird für unsere weitere Tour an diesem Tag stets richtungsweisender Ankerpunkt bleiben. Die Abfahrt wirkt, wie fast bei jedem Paß, deutlich länger als die Auffahrt. Kehre um Kehre schlängeln wir uns ins Tal. Mit jedem Höhenmeter verabschiedet sich endgültig der mediterane Einfluß. Längst verschwunden das allgegenwärtige Zirpen der Zikaden, abgelöst durch das weitaus dünner klingen Geräusch unserer gewöhnlicher Grillen. Der Pinienbewuchs weicht wieder hochgewachsenen Fichten und üppigem Laubwald. Die Architektur der Dörfer und das viel sattere Grün der Landschaft erinnern wieder mehr an Fahrten durch Österreich, als an Südfrankreich. Wir fühlen uns fast schon wieder in heimischen Gefilden. Wie auf der Karte bereits angedroht, empfängt uns im Tal eine fette Hauptverkehrsstraße. Staubende Lastwagen quälen sich mit 20 km/h die Steigungen hinauf, Überholen ist nur ganz selten möglich. Aus den Auspuffrohren quillt dichter schwarzer Dieselrauch. Ist die Strecke mal frei, werden wir von übermütigen französischen Autofahrern aufs Heftigste bedrängelt. Über weite Teile ist es jedoch eine angenehm zu befahrende Straße mit vielen schönen Ausblicken. Wir erreichen unseren Abzweig in ein kleines Seitental. Die Straße mäandert gemeinsam mit einem kleinen Fluß durch das sich zu einer tiefen Schlucht verengende Tal. Zwischen dem rauschenden Gebirgsfluß, dichtem Gestrüpp und schroffen Felswänden lassen wir bedächtig die Maschinen um die engen Kurven schnurren. Wir kommen auf eine hochgelegene, himmlisch - kitschige Ebene. Liebliches Grün, glückliche Kühe, urige Holzhäuser. Hinter den grünen Bergkuppen ragt immer wieder die schneeweiß leuchtende Spitze des Montblanc Massivs in den stahlblauen Postkartenhimmel. Zu schön, um wahr zu sein, denken wir. Unsere Landkarte und die Wegweiser, an deren absurde Aufstellung wir uns mittlerweile gewöhnt haben, weisen zielsicher in Richtung Chamonix Mt. Blanc. Wir verlassen den Bergrücken und kommen in das Tal, in dem sich diverse Verkehrsadern bündeln und schnurstracks auf den weißen Berg zuführen. Auf 4spurigen, aalglatten Bundesstraßen gleiten wir auf den höchsten Berg Europas zu, haben dabei eher das Gefühl, immer kleiner zu werden, anstatt ihm näher zu kommen. Direkt am Fuß des Giganten liegt Chamonix. Eine beliebte Toristenmetropole mit unzähligen Seilbahnen sowie einer sehr interessanten Zahnradbahn. Für uns ist dieser Ort jedoch lediglich Durchgangsstation in Richtung Schweiz. Rechts lassen wir die Autobahn liegen, die den Montblanc in einem monströsen Tunnel durchbohrt, um auf der itaienischen Seite im Aostatal zu münden. Erinnerungen an unsere erste Station werden aufgefrischt. Die zwei kleinen Pässe zur schweizerischen Grenze hin überfahren wir ohne Halt. Die Abfahrt hat sehr viele lange Geraden mit perfektem Asphalt. Im Leerlauf rolle ich mit über 90 km/h über die leere Fahrbahn. Ein tolles Gefühl. Man hört nur das Rauschen des Fahrtwindes und das Singen der Reifen. Ab und zu bremse ich abwechselnd vorn und hinten, um sicher zu sein, im Ernstfall immer noch eine kalte Bremse zu haben. Es wird jedoch niemals problematisch, die Bremsen der Jawa haben anscheinend genügend Reserven. Müssen sie auch, denn der Zweitaktmotor hat so gut wie keine Bremswirkung. Am Ende dieser tollen Fahrt offenbart sich ein Panorama auf die Stadt Martigny wie aus einem Flugzeug. Auch hier waren wir schon einmal, hier begann unsere hochalpine Tour. Dort drüben auf der anderen Seite des Tals verschwindet irgendwo der Große St. Bernhard zwischen den Gipfeln. Im Tal ist es unerträglich heiß. In der Stadt suchen wir eine Bank auf, um Geld zu wechseln, schließlich fahren wir jetzt wieder durch die Schweiz. Es geht jetzt durch das breite schweizer Haupttal über schnurgerade, freie Straßen nach Osten. Man kann sich richtig entspannen, wenn man nach der ganzen Kurverei mal träumend einfach so mit 90 km/h im T- Shirt dahingleitet. Der Fahrtwind macht die schwere Schwüle, die im Tal hängt, erträglich. Aufkommende Müdigkeit fordert langsam einen Übernachtungsplatz ein. Auf einer fast 100prozentig von holländischen Wohnwagen besiedelten Campinganlage dürfen wir in der letzten Ecke unser Zelt aufbauen. Wir essen zu Abend an einem künstlichen Teich mit einem künstlichen Strand. | | |