2. Etappe Pfungstadt - Murten (CH) 12.07.98 08.30 Uhr

 

Wieder im Regen machen wir uns auf den Weg auf die B3, die hier südlich von Darmstadt der alten Route der Bergstraße folgt. Es will überhaupt nicht richtig hell werden an diesem Morgen. In Lorsch machen wir einen kleinen Abstecher zum alten fränkischen Kloster, dessen karolingische Torhalle beeindruckend gut erhalten ist. In Regenzeug eingehüllt stapfen wir über das Gelände. Wir fahren weiter auf der B3, wechseln aber bei Heidelberg auf die Autobahn, da die Orte an der "Bergstraße" immer dichter aufeinander folgen und wir überhaupt nicht voran kommen. Und dazu der Dauerregen... Wie Astronauten in ihren Raumanzügen rauschen wir vollkommen abgeschottet durch das Unwetter. Es kann direkt etwas Gemütliches haben, so lange man nicht dauernd halten muß. Dann endlich, nach einigen Stunden Autobahnödnis: Die dichte, graue Wolkendecke reißt im Süden ab und gibt am Horizont blauen Himmel frei. Der immer noch satte Südwind treibt die Suppe über uns hinweg nach Norden. Und tatsächlich - etwa in Höhe Freiburg halten wir, um uns von den dicken Regenklamotten zu befreien.

Bei 30°C passieren wir die schweizerische Grenze in Basel. Der Urlaub beginnt! Eine schöne Stadt mit miserabler Beschilderung. Ein paar Kilometer hinter Basel wird es sofort ländlich - idyllisch und die ersten Berge tauchen auf. Wir folgen genau der Route, die wir zu Hause auf der 1:200000er Karte rausgesucht und in großen Buchstaben für die Tankrucksäcke ausgedruckt hatten. Übrigens ein sehr angenehmes System, da man auch während der Fahrt mal kurz auf den Tankrucksack gucken kann, um den nächsten Ort oder die nächste Abzweigung ausfindig zu machen. Mit einer Karte ist das schon schwieriger, da man meistens extra anhalten muß. Die 1:200000er Alpenkarte hatten wir zudem zu Hause vergessen und müssen nun mit einer groben 1:800000er zurechtkommen.

Durch die schöne schweizer Modelleisenbahnlandschaft brummen wir wohlgelaunt in Richtung Delemont. Der erste Paß erwartet uns bei Paßwang. zwar nur ca. 1000m hoch, aber ein schöner Einstieg. Gerade für Anja:"... meine erste Übung im Serpentinenfahren. Immer einen Gang zu hoch oder zu niedrig..." In der Tat zeigt die kleine 125er Ihr ihre Grenzen auf. Diese gewisse Gnadenlosigkeit beim Ausdrehen der Gänge muß Anja sich erst noch angewöhnen. Aber auch mir auf der Jawa wird auf dieser kleinen Paßauffahrt schnell klar, daß man mit 27 PS aus 350ccm keine Berge versetzen kann. Schlimmer noch ist jedoch das olle 4 Gang Getriebe, das bei bestimmten Geschwindigkeiten am Berg einfach keine passende Übersetzung parat hat. Aber es geht. Wir fahren eher gemächlich durch die grünen Hügel und lassen uns völlig neidlos von den Heizern auf den "dicken Maschinen" überholen. Was für ein Paradies für Motorradfahrer! Die schweizer Biker grüßen übrigens ganz besonders herzlich mit Händen und - wenn sie einen überholen - mit dem rechen Fuß! Auf der Paßhöhe machen wir ein Päuschen in einer irrwitzig heilen Welt mit kitschig grünem Gras und glockenbimmelnden Kühen. Auf schönen, sanften Landstraßen kurven wir durch Mittelgebirgslandschaften weiter in Richtung Süden. Gelegentlich zeigt sich im Osten am Horizont weiß leuchtend die schneebedeckte, gigantische Alpenmauer. Gegen 19 Uhr kommen wir in Murten auf unserem ersten Campingplatz an. Es ist eine in schweizer Ordentlichkeit aufgebaute Dauercampersiedlung. Allerdings ist für die Tagescamper mit Zelten eine schöne Wiese direkt an einem bezaubernden See reserviert! Wir bauen ein wenig erschöpft und immer noch viel zu warm angezogen unser Zelt auf, essen im Campingplatzimbiss eine leckere Wurst mit Pommes, nehmen ein paar Flaschen guten schweizer Bieres mit zum Zelt und lassen genüßlich die Sonne über dem spiegelglatten See hinter der sanften Bergkette untergehen. Dabei leisten uns einige Entenfamilien Gesellschaft, die es besonders auf unsere Kekse abgesehen haben... So läßt es sich aushalten!