3. Etappe Murten - Aostatal (I) 13.07.98 10.00 Uhr

Frühstück zwischen den Enten und Schwänen, dann auf zu einem kleinen Abstecher ins Zentrum von Murten, einer schnuckeligen schweizer Kleinstadt mit Stadttor und allem Drum und Dran. Wir machen ein paar Einkäufe und begeben uns auf den Weg zu den "richtigen" Bergen. Teilweise parallel zur Autobahn fahren wir durch die Fribourger Alpen in Richtung Genfer See. Die Straßen sind fast leer, wunderschön geschwungen und einfach herrlich zu befahren. Schon längst haben wir den deutschsprachigen Teil der Schweiz verlassen; hier wird französisch gesprochen und beschildert. In einem herrlichen Panorama breitet sich später der Lac Leman vor uns aus, als wir auf einer Serpentinenabfahrt Vevey erreichen. Am Nordufer fahren wir entlang, passieren dabei die prächtige Stadt Montreux. Solche prunkvollen Hotelbauten haben wir bisher nur in Spielfilmen gesehen! Luxus pur, direkt am schönen See, dazu ein Stückchen weiter eine uralte Wasserburg. Man stellt sich vor, wie vor langer Zeit außer der Burg und vielleicht ein paar Hütten nichts in dieser grandiosen Landschaft gestanden hat. Am Ostende des Sees fahren wir in ein tiefes Tal hinein, das uns nach Martigny bringt. Dort wird noch mal getankt, und dann steht uns unsere erste "ernstzunehmende" Paßüberfahrt bevor: Der legendäre Große St. Bernhard.

Zunächst gibt sich die Straße harmlos. Breit, perfekt ausgebaut und nicht zu steil windet sie sich den Berghang hinauf. Noch ist nicht klar zu erkennen, zwischen welchen Bergvorsprüngen sie wohl entlang führen wird. Etwa auf halber Höhe teilt sich die Straße. Der Hauptverkehr verschwindet in einem Tunnel, um den Berg zu durchstoßen. Wir entscheiden uns natürlich für die andere Alternative, die alte Paßstraße. Es wird sofort "basic". Eine steile, schmale Straße, die sich ohne Leitplanken und in ziemlich ungepflegten Zustand durch immer unwirtlicheres Gebirge windet. Nur noch Felsen und Geröll, manchmal karges Gras. Es wird kühl; ein paar kleine Wolken hängen wie festgenagelt in den Schluchten. Die Ausblicke werden immer grandioser. Anja hat indes ganz andere Sorgen:"...ich war so damit beschäftigt, die spitzen Haarnadelkurven zu meistern, daß mich jeder ausschweifende Blick in die Tiefe gesteuert hätte. Zum Angsthaben hatte ich kaum Gelegenheit - auch keine Alternative zu: da-mußt-Du-jetzt-rum-egal-wie. Mit meiner 11 PS Höllenmaschine, immerhin im ersten Gang. War mir auch schnell genug..." Auch ich bin mit meiner überlegenen 27 PS Maschine ganz schön am kämpfen. Hätte ich nicht gedacht, daß es bei mir ebenfalls an den extremen Steigungen nur im Ersten voran geht. Dazu macht sich die Höhe von 2500m auch schon gehörig durch Leistungsabfall und schlechte Gasannahme bei den Motoren bemerkbar. Irgendwann sind wir oben. Auf der Paßhöhe rauchen wir neben den kühn in die Felsen gestellten Gebäuden erstmal eine Zigarette. Das Bernhardinermuseum und die Souviniershops ersparen wir uns. Anja ist merklich angespannt vom Fahren. Solche derben Strecken hatte sie nicht erwartet. Mein Kommentar: Das ist erst der Anfang, uns stehen noch mehr als ein Dutzend solcher Paßüberfahrten bevor! Etwas zur Ruhe gekommen realisieren wir erst jetzt den unglaublichen Ausblick auf gigantische Felsmassive, Schneeflächen, Wolken, die unter uns liegen. Wir überqueren die schweizerisch-italienische Grenze bei dem verlassenen Grenzhäuschen und begeben uns auf die Abfahrt. Die Straßen auf der italienischen Seite sind deutlich besser in Schuß. Ein großartiger Ausblick folgt auf den anderen. Man möchte am liebsten in jeder Kehre anhalten und Fotos machen. Wenn man sich umdreht, kann man es kaum fassen, daß man gerade diesen gewaltigen Gebirgszug überquert hat. Immer wieder treffen wir auf freudig grüßende Motorradfahrer. Wir fühlen uns auf unseren kleinen Mopeds wie Exoten. Nach einer unendlich langen Abfahrt nehmen wir unten im Aostatal Kurs in Richtung Montblanc. Es dämmert im Schatten der Berge recht früh und so suchen wir uns einen schnuckeligen kleinen Campingplatz kurz bevor vor dem Montblanctunnel im Süden der Kleine Bernhardpaß abzweigt, den wir morgen unter die Räder nehmen werden. Mit Blick auf eine alte Burg zwischen wolkenverhangenen, dunklen Berghängen schlagen wir unser Zelt auf. Es fängt an zu regnen. Es macht nichts.