| 4. Etappe Aostatal - Col d´Iseran 14.07.98 09.00 Uhr Wieder Gipfelstürmen! Sonnenschein, herrlich frische Luft, gute Laune. Schnell sind wir wieder auf der Straße. Wir frühstücken in dem Bistro einer Tankstelle, sitzen draußen. Zum Kaffee und Croissant gibt's gratis den unvergleichlichen Blick auf den Weißen Riesen am Ende des Tals. Der Montblanc ist mit seinen 4800m im Sommer tatsächlich der einzige schneebedeckte Berg hier, sein Name ist also Programm. Wir fahren durch das schöne Aostatal direkt auf ihn zu, um dann am Ende des Tals südlich den Hang hinauf zu fahren. Die Auffahrt zu Col de Petit St. Bernhard beginnt baumgesäumt und bringt uns durch weltentrückte kleine Bergdörfer. Wir passieren die Baumgrenze. Oben ist sehr wenig Betrieb. Wir besichtigen die Fundamentreste eines römischen Tempels auf der Paßhöhe und fragen uns, welche Mühsal so eine Paßüberquerung wohl zu alten Zeiten bedeutet haben muß. Nicht ohne Grund stehen auf den Paßhöhen fast immer - heute meist verlassene - Herbergen oder Hotels. Oft sind auch noch auf halber Höhe an den Auf- und Abfahrten Hotelruinen zu sehen. Eine Überquerung zu Fuß muß unter größten Strapazen mehrere Tage gedauert haben. Wir hingegen nutzen gerne die technischen Errungenschaften der modernen Welt und schweben per Sessellift noch weitere 300m in die Höhe. Von der Bergstation aus kraxeln wir unter erschwerten Bedingungen auf steilen Pfaden durch grobes Gestein zum Gipfel des Bernhards. Wir finden Ruinen eines Forts aus dem 2. Weltkrieg, ansonsten sind wir nur von Felsen, riesigen Geröllfeldern und Schutt umgeben. Im Nordwesten dominiert immer noch das Montblanc Massiv, rundherum scheinen uns die Alpen zu Füßen zu liegen. Ein eisiger Wind weht, wir sind froh, die warme Motorradkleidung anzuhaben. Gespenstisch kommen große Wolken zwischen den Bergspitzen durchgekrochen. Wir wollen keinen abrupten Wetterumschwung hier oben riskieren und steigen wieder ab zum Lift. Die Paßabfahrt ist wieder sehr schön und entspannt. Wir kommen in das Städtchen Bourg St. Maurice. Dort verspachteln wir in der Sonne ein leckeres Steak Haché und decken uns mit den notwendigen Postkarten ein, wobei wir darauf achten, nur die Kitschigsten für unsere Freunde auszusuchen. Weiter geht's durch das schöne Val d´Isere´. Am Ende dieser langen Schlucht wird die Landschaft steiniger, die Vegetation dürrer. Und dann kommen wir in einen vollkommen künstlich angelegten Wintersportort. Kaum zu glauben, wie unsympathisch und häßlich so eine Stadt im Sommer wirkt. Wir kaufen ein wenig Proviant ein und fahren weiter. Das Tal ist zu Ende; nur der Col d´Iseran führt noch weiter in die Steinwüste hinein. Langsam breitet sich ein imposantes Panorama vor uns aus. Der Ort ist nicht mehr in Sichtweite, in allen Richtungen blicken wir auf steil aufragende Felswände, schroffe Abhänge und erhabene Gipfel. Wir schlängeln uns höher und höher, können kaum die Augen auf der Straße halten, was aber sehr notwendig ist - keine Leitplanken, hunderte Meter tiefe Abgründe, Serpentinen, die sich im Horizont zu verlieren scheinen. Am gegenüberliegenden Felsriesen sind auch Straßen zu erkennen. Haarfeine, winzige Zickzacklinien. Nicht ganz ohne Höhenangst tuckern wir durch die karge Steinwüste, vorbei an häuserblockgroßen Felsbrocken, die neben dem schmalen Asphaltband liegen und wohl vor tausenden von Jahren vom Berghang hinabgestürzt sind. Oder gestern.... Auf der Paßhöhe in fast 2800m ü.NN. stehen wir überwältigt in einer Mondlandschaft und blicken auf monumentale Gebirgszüge, Schluchten, Gletscher, Wasserfälle, karges Grau, weitläufig und mächtig. Auf der Abfahrt geht der Traum weiter, winzig fahren wir an den Massiven entlang, die Straße scheint endlos, wir fotografieren alle paar hundert Meter. Völlig stoned von den Eindrücken kommen wir viel später im Tal an. In wilder Landschaft finden wir einen angenehmen Campingplatz an einem Fluß. Durch den heißen Sommer ist das steinige Flußbett nur zu einem Bruchteil mit Wasser gefüllt. Man kann sich aber vorstellen, mit welcher Gewalt hier die Wassermassen hinabstürzen müssen, wenn im Frühjahr Schneeschmelze ist. Dieses Tal liegt noch sehr hoch und es wird kühl, als die Sonne hinter den kahlen 3000ern versinkt. Noch lange sitzen wir vor dem Zelt, essen Baguette mit Salami, trinken Rotwein und reflektieren das Erlebte. Es staut sich eine Menge an, wenn man den ganzen Tag immer nur mit Handzeichen kommuniziert. Die Klamotten werden staubiger, das Duschen unwichtiger und morgen warten die nächsten Pässe. | | |