| Etappe 5 Col de Mont Cenis - Guillestre 15.07.98 08.30 Uhr In frischer Morgenluft brechen wir auf. Wir fahren das Tal bis ans Ende und biegen gleich zum Col de Mont Cenis ab. Über diesen Paß soll damals Karl d. Gr. auf seinem Zug nach Langobardien gekommen sein. Für unsere Verhältnisse eine harmlose Anfahrt durch laubwaldgesäumte Serpentinen, oben ein großer Stausee. Wir halten nur kurz, um das obligatorische "Paßfoto" zu schießen. Die Abfahrt nach Susa nimmt kein Ende. Erst jetzt wird klar, wie hoch wir immer noch waren. Immer weiter geht es runter, vorbei an großen Staumauern, es wird immer wärmer. Wir haben endlich die Klimagrenze in den mediteranen Raum überwunden. Pinien, bunte Blumen, in Susa empfängt uns italienische Lebensart. Jetzt suchen wir den kleinen Paß von Finestrelle. Wir finden die kleine Straße, die im Wald an einem steilen Hang beginnt und sich in enorm engen Tornanten mit sehr kurzen Geraden hochschraubt. Der Berg selbst ist oben von Wolken verhüllt. Nach einigen Kilometern plötzlich: Schotter! Kein Sandweg, wie wir ihn kennen, sondern grober, steiniger Schotter, für schmale Reifen nicht gerade einladend . Der Gebirgszug ist durch die Wolken nicht zu erkennen aber weit kann es bis zur Paßhöhe nicht mehr sein, denken wir. Was für ein Irrtum! Immer steiler und unwegsamer wird der Weg. Die Kehren werden unmenschlich eng und steil, und die Paßhöhe ist immer noch nicht in Sicht. Es erfordert schon einige Konzentration, auch mit leichten Motorrädern voll Gepäck auf diesem losen Untergrund um die Spitzkehren zu kommen. Einmal verliert Anja die Kontrolle über ihren 11 PS Boliden und kippt in der Innenseite einer solchen 180° Kehre im Schrittempo um. Kein Schaden entstanden, aber wir machen erst mal Zigarettenpause. Von der anderen Seite des Taleinschnitts hören wir das Grollen großvolumiger Einzylindermotoren näherkommen. Es sind einige einheimische Crossfahrer, die äußerst professionell hier auf ihrer "Hausstrecke" wohl ein wenig üben. Wir jedoch müssen die Strecke auf unseren überladenen und untermotorisierten Mopeds irgendwie bewältigen. Und irgendwie geht es auch. Im Schrittempo mit schleifender Kupplung und viel Gas eiern wir die Steigungen hoch, in einer Kehre muß ich sogar anhalten, Anlauf nehmen und mit viel Schwung über einen besonders losen Schotterabschnitt brettern. Irgendwann erreichen wir erleichtert die Paßhöhe. In den Wolken stehen wir auf dem Berg und treffen dort sogar noch zwei andere Motorradfahrer. In dieser Landschaft bekommt der Gedanke an wirkliche Einsamkeit eine ganz andere Dimension - die Freude, jemanden zu treffen ist dementsprechend groß. Bei der Abfahrt kommt allmählich Endurofeeling auf. Runter rollen ist einfacher. Und dann: Asphalt. Endlich. Wir fliegen! Obwohl es ein einmaliges Erlebnis war, nehmen wir uns vor, zumindest mit diesen Maschinen keine Schotterpässe mehr zu befahren. Beeindruckend an den Abfahrten ist das Wachsen der Berge. Unscheinbare Felsspitzen wachsen zu immensen Bergriesen heran. Mit weiten Ausblicken in das grüne Tal gleiten wir bergab. Richtung Briancon fahren wir dann entspannt auf einer luxuriös ausgebauten Hauptstraße, die sich an einem großen Hang entlang durch ein tiefes Tal windet. Der nächste Paß ist auch eine Hauptstraße und die Grenze zu Frankreich. Den Col de Montgenevere kriechen wir hinter Wohnmobilen und staubenden Lastwagen hinauf, durchfahren das hochgelegene Sestriere und gelangen schließlich nach Briancon. Eine wunderschön gelegene, sehr alte Stadt mit mehreren mittelalterlichen Festungen rundherum auf Bergvorsprüngen. Dazu ist es die höchstgelegene Stadt Frankreichs. Wir kaufen in einem Einkaufszentrum Proviant ein und tanken. Dabei macht uns die Hitze sehr zu schaffen. Bei über 30° schwitzen wir in unserer, immer noch auf Fahren in deutlich höheren Lagen abgestimmten Motorradkleidung. Nach einigem Suchen durch dichten Verkehr finden wir den Weg zum Col d´Iozard. An die ständigen Irrfahrten in Frankreichs Städten muß man sich gewöhnen. Die Beschilderung ist einfach unmöglich. Der Paß entschädigt dann aber für das Generve. So ungefähr stelle ich mir Kanada oder Alaska vor! Sandiges, poröses Erosionsgestein, Nadelbäume, rötliche und gelbe Farbtöne. Höher präsentiert sich das Landschaftsbild karstig und ohne Grün. Aus breiten Schuttflächen ragen schroffe Felsen wie Zähne auf. Auf der Paßhöhe offenbart sich abermals ein traumhafter Blick auf die Berge weit vor und hinter uns. Wir sind verwundert, daß es hinter jedem Paß noch so viele weitere Gebirgszüge gibt und daß jeder Ausblick anders aussieht. Obwohl wir uns in knapp 2400m befinden, ist es recht mild. Man spürt die südlichen Gefilde. Der Weg nach unten führt durch schwarzwaldähnliche Landschaften in eine atemberaubende Schlucht mit bedrohlich über die Fahrbahn hinausragenden Felsen. Gemeinsam mit dem wilden Gebirgsfluß zwängt sich die Straße durch das enge Tal, durchstößt immer wieder das Gestein in unbehauenen Tunneln. Gegen Abend erreichen wir Guillestre, wo wir auf einem schönen, terrassenförmig angelegtem Campingplatz unser Lager aufschlagen. Reichlich erschöpft trinken wir noch eine Flasche Wein und genießen den Sonnenuntergang über dem weiten Tal. | | |