Etappe 6 Guillestre - St. Raphael 16.07.98 09.00 Uhr

Mit Pain au Chocolat und Kaffe unter freiem Himmel beginnt auch dieser Tag. Heute liegt der absolute "Höhepunkt" unserer Tour vor uns. Der Col de la Bonette, der höchste Paß der Alpen. Von Guillestre aus fahren wir über den Col de Vars. Langweilige Wintersportorte, Seilbahnen, wir halten nicht einmal an. Dann nach Jausiers, wo schon die riesige Mauer der Berge zu sehen ist, die es zu überwinden gilt. Straßenschilder zählen die 20km ab, die es bis zum Cime de la Bonette in 2802m Höhe sind. Die ersten 15 davon gestalten sich erstaunlich bequem. Als dann das Gras dünner, das Gestein rauher wird, verengt sich auch die Straße. An vielen Stellen wird gerade gebaut, dicke Rollsplittschichten bedecken die Fahrbahn. Offenbar muß die Straße jedes Jahr repariert werden. Die Fahrbahnränder sind durch Erosion und Muren und Lawinen an vielen Stellen aufgebröselt. Leitplanken oder Mauern in den Kehren hängen schief am Abhang. Oder hat jemand die Kurve nicht gekriegt? Eine grauenhafte Vorstellung! Ein, zwei Meter aus der Spur und es geht senkrecht in die Tiefe. Da bleibt nichts übrig. Vorsichtig brummen wir nach oben, überholen viele der wahnsinnigen Radsportler, die sich diese Tortour freiwillig antun. Die Berge sehen aus wie gigantische Schutthaufen, die eine überdimensionale Baggerschaufel hier abgeladen hat. Grau und braun, ohne jegliche Vegetation. Das schmale Asphaltband kringelt sich schließlich an der eigentlichen Paßhöhe vorbei zu einem Rundweg um den Gipfel des Bonette. Wie auf jedem Paß werden wir von einigen Motorradfahrern empfangen, die teils belustigt, teils bewundernd unsere Mopeds betrachten. "Ihr seid doch aber nicht DAMIT ganz aus Hamburg hier runtergekommen?!", so eine der oft ungläubig gestellten Fragen. Die Spitze des Berges erkunden wir zu Fuß. Ein schmaler Pfad führt durch groben Schotter 50m hinauf zu einer Aussichtsplattform. Klarer Himmel, 360° Rundumsicht auf ein endloses Gebirgsmeer, am Horizont irgendwo grüßen ein paar Schneeriesen. Man redet nicht viel, ist mit sich selbst beschäftigt, denkt in großen Dimensionen. Trotz eisigem Wind können wir uns kaum von diesem unglaublichen Ort lösen. Unten auf den rauhen Felszähnen verläuft an Abgründen entlang winzig klein das milimeterbreite Band der Straße. Genußvoll lassen wir uns in die Tiefe rollen. Stundenlang schwingen wir uns von einem Felseinschnitt in den nächsten, treffen verlassene Bergdörfer, überqueren auf alten Steinbrücken tiefe Schluchten. Im Rückspiegel türmen sich die riesigen Sandhaufen auf, dessen Kiesel in Wahrheit jedoch hausgroße Felsbrocken sind. Irgendwann kommen wir im Tal an. Das Grün, der dichte Bewuchs und die flirrende Hitze machen klar: jetzt ist das Mittelmeer nicht mehr weit. Wir haben die Alpen überwunden.